#SchreibResi(dency): BloggerInnen im Vormarsch? – Das literarische Angebot der MONACENSIA, exemplarisch festgemacht an einem Diskussionsabend, moderiert von Autor Sebastian Stuertz, mit Marius Müller & Katharina Herrmann

Feuilleton vs. Blogs – Buchkritik im Wandel“ – selbst Bloggerin und an Literatur generell interessiert, sprach mich die Themenstellung an: „Die Buchbloggenden Katharina Herrmann und Marius Müller setzen Impulse: Wie schreibt man heutzutage über Literatur? Wie reagiert die klassische Buchkritik? Wieviel Idealismus braucht man? Und was ist die Lage der deutschen Gegenwartsliteratur?“

Hinter der grünen Monacensia-Tür am 14.9.22 diskutieren
die Buchbloggenden Katharina Herrmann und Marius Müller

So fand ich wieder einmal meinen Weg durch jene imposante grüne Holztür – eigentlich mehr Tor als Tür – die vom (Lese)Garten und dem Café MON in den Veranstaltungssaal führt, der wiederum in die Dauerausstellung Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann mündet.

Angesetzt war die Veranstaltung im Rahmen des neuen Monacensia-Projekts SchreibResi, einer Schreib-Residency, mit Dana von Suffrin, als erster Autorin, die die Künstlervilla als Schreibwerkstatt und sozialen Begegnungsraum nutzt.

Die Residency stellt den Prozess des Schreibens in den Vordergrund.

Das Hildebrandhaus ist eine Bildhauervilla. Sie gibt uns die Idee der Werkstatt und des gemeinsamen Tuns als roten Faden vor. Eine Stadt wie München braucht Orte, für die Ideen wichtig sind und nicht Geld. Autor*innen brauchen diese Orte, wir alle brauchen sie.

ANKE BUETTNER, Leiterin der Monacensia; Foto: Münchner Stadtbibliothek, Eva Jünger
> MEHR zur #SchreibResi im Blog von Tanja Praske

Das Corona bedingte Fehlen der Gastgeberin erinnerte kurz daran, dass die Zeiten längerfristiger Planungen noch lange nicht wiederhergestellt sind. Dafür zeigte sich die Flexibilität der Monacensia, die kurzerhand Sebastian Stuertz einzuspringen bat. Praktischerweise war der Autor, Designer, Regisseur und Musiker aus Hamburg sowieso am darauffolgenden Abend für einen Talk gebucht. Zudem verbindet ihn mit Dana von Suffin eine kollegiale Freundschaft, wie er uns zu Beginn des Abends verriet. Den begann er, indem er erst einmal in aller Ruhe sein Abendessen nachholte und danach allen Anwesenden das „Du“ vorschlug.

Sebastian Stuertz, Autor, Designer, Regisseur und Musiker, moderierte den Abend und trat am darauffolgenden Abend, ebenfalls in der Monacensia, selbst als Protagonist eines Talks auf

Solcherart Laissez-faire ist mir von Ländern wie Frankreich, Italien und Brasilien vertraut, in deutschen Kulturinstitutionen bislang jedoch eher selten begegnet; schon gar nicht in der offiziellen städtischen Literaturszene. Die erlebte ich über Jahrzehnte eher als konservativen Hort gedruckter Sprache, in dem ich die Auseinandersetzung mit Literatur oft zu bedeutungsschwangeren Worthülsen erstarren sah, mit Podien, die vor Eitelkeit strotzten, jedoch wenig Dialogbereitschaft gegenüber dem Fußvolk weiter unten zeigten.

Bunte Mischung auf Augenhöhe: am 14.9.2022 in der Monacensia

Daher empfand ich den Einstieg in den Diskussionsabend der Monacensia schon einmal als vielversprechend, zumal nicht nur der Moderator, sondern auch die teils ganz !privat und recht zahlreich erschienenen MitarbeiterInnen von Anfang an für eine entspannte Stimmung sorgten, mit Round Table Feeling anstelle eines klassischen Podiums mit Fallhöhen. Dabei erschien mir die Wohlfühlatmosphäre dem Selbstverständnis der Monacensia als partizipative literarische Begegnungsstätte geschuldet.

mitmachen!

Um diese voranzutreiben, greift man hier, neben Altbewährtem, auch auf Kommunikations- und Ausdrucksformen zurück, die in angestammten Kulturzirkeln noch immer als eher „pfui“ gelten: Soziale Medien und Blogs. Doch sind sie die Zukunft, wie sich auch in der Diskussion bestätigte.

Zwar ist der Hype der Verlage um BloggerInnen abgeebbt, dennoch berichteten beide Buchbloggenden, Katharina Herrmann und Marius Müller, von Kooperationen mit etablierten Literatur-Jurys und Medien, wie dem Deutschlandfunk, für den Herrmann immer wieder Beiträge verfasst. Beide verdanken aber ihren Aufstieg in der literarischen Szene auch der Reichweite der sozialen Medien, über die sie ihre Beiträge bewerben.

Mein Name ist Katharina Herrmann, ich wohne in München, lese manchmal Bücher und schreibe seit 2013 manchmal hier das Internet voll. Manchmal bin ich auch als Kritikerin im Radio zu hören, insbesondere auf DLF Kultur. Ich nehme keine nicht angeforderten Rezensionsexemplare an. (…)

Katharina Herrmann
Auszug „Vita“ aus ihrem Blog
> KULTURGESCHWAETZ

Unprätentiös auch die Selbstdarstellung von Marius Müller, jedoch umso größer die offensichtliche Leidenschaft, mit der er sich der Literatur widmet:
… „Die Freiheit zu schreiben!“
Die Anzahl an Besprechungen, die er bewältigt, lösen bei mir, gerade weil ich auch blogge, Schwindel aus, zumal jedes Buch ja erst einmal gelesen und dann gründlich durchdacht sein will, bevor es sich darüber schreiben lässt.

Möglich sei dies nur, weil er einer geregelten Arbeit nachgehe und sich zur Zeit kein Privatleben leiste“, erläuterte er.

Mein Name ist Marius Müller aus Augsburg. Ich liebe Literatur – deshalb schreibe ich hier über sie. Wenn ich nicht über Bücher schreibe, diskutiere, moderiere und organisiere ich Literaturevents im süddeutschen Raum.“ > Buch-Haltung nennt sich sein Blog, dessen Untertitel „subjektive Buchkritik seit 2013“ mir ausgesprochen gut gefällt 😉

Um en detail die Lage der deutschen Gegenwartsliteratur zu erörtern, fehlte es, angesichts der vielen angerissenen Themen an Zeit; meiner Meinung nach wurde jedoch der Status Quo deutscher Literatur allein schon durch die Anwesenden selbst repräsentiert. Deren umfassende Hinwendung zur Literatur, ihre Lebensleistung in noch jungen Jahren, unterstützt durch die Möglichkeiten des Internets, stimmen mich zuversichtlich, wie überhaupt die neue Generation Kulturschaffender. Die hätte ich mir so schon vor Jahren gewünscht … ;-(

Weitere Anwesende aus Monacensia u/o Literaturszene

REBECCA FABER
Programmltg. Monacensia
Bloggt auf wepsert.de


THOMAS SCHÜTTE
Leiter des Literaturarchivs der Monacensia
TINA RAUSCH
Am liebsten mach ich was mit Büchern!


Erlebt habe ich einen dieser wünschenswerten Abende, an denen die Grenze zwischen den DiskutantInnen und dem Publikum mehr als fließend waren. Auf die eine oder andere Art und Weise widmen sich nämlich fast alle Anwesenden dem Schreiben/Bloggen. Entsprechend lebhaft gestaltete sich der gedankliche Austausch und reizte den Zeitrahmen bis Ultimo aus.

Gaby dos Santos‘ Fazit in einem Facebook-Post unmittelbar nach der Veranstaltung am 14.9.2022

Die die anfangs erwähnte grüne Holztür blieb jedenfalls lange offen und hat auch generell Symbolkraft für mich: Sie markiert den Übergang in das Multiversum der Monacensia, in der es eine große und wechselnde Vielfalt an Literatur und Kultur aus dem Münchner Stadtleben – von anno dazumal ebenso wie von heute – zu entdecken gibt, gemäß der Bedeutung des lateinischen Namens Monacensia  „Münchnerisches“.

Gaby dos Santos an der Tür der Monacensia; Foto: Dirk Schiff
Veranstaltungsfoto 2018 zur Uraufführung des Historicals
„Franziska zu Reventlow“ mit Autorin Gunna Wendt
Bildprojektion aus dem Historical;
Collage: Gaby dos Santos

Deshalb hatte ich diese Tür 2018 instinktiv als Basis für die Collagen des Historicals „Franziska zu Reventlow“ gewählt und alle weiteren Bild-Elemente der Produktion sukzessive einmontiert – die Tür als Passepartout zu Leben und Werk der Schwabinger Ikone – deren literarischer Nachlass hier lagert und nicht nur ihrer: Die Monacensia bezeichnet sich daher als „literarisches Gedächtnis der Stadt München“, eine organische Bezeichnung, die das Anliegen des Hauses nach literarischer Lebendigkeit widerspiegelt, auch wenn es Vergangenes verwahrt. Entsprechend vielfältig gestaltet sich das Programmangebot rund um DAS WORT und dessen SchöpferInnen, mit Lesungen, Ausstellungen, Diskussionsabenden, Workshops u.v.m.

Das Institut der Münchner Stadtbibliothek (die Monacensia) vereint unter einem Dach Literaturarchiv, München-Bibliothek, Forschungszentrum, Ausstellungsraum und Bildungsort. Das Monacensia-Literaturarchiv ist das größte seiner Art in Bayern. Über 300 Nachlässe und Konvolute mit engem Bezug zu München werden hier gesammelt, erschlossen, präsentiert und vermittelt. Diese Originalbeständen ermöglichen Grundlagenarbeit für kritische Editionen, wissenschaftlich fundierte Präsentationen, Buch- und Forschungsprojekte.

Detailliertere Informationen zur Monacensia und ihren Beständen finden Sie hier (…)“

Monacensia digital > www.monacensia-digital.de

Das Prinzip „Monacensia“ bringt Schriftstellerin Dana von Suffrin, die erste #SchreibResi, auf den Punkt:

Schriftstellerin Dana von Suffrin, die erste #SchreibResi der Monacensia

Für mich ist die Monacensia der Ort, an dem das alte München, die Kunst, die Literatur, das Bürgertum, auf das 21. Jahrhundert, auf Fritzcola und Liegestühle trifft – ich hätte gerne mehr solcher Orte!

Autorin Dana von Suffrin, aktuelle #SchreibResi

Da ich sie ja leider letzte Woche Corona bedingt verpasst habe, hole ich das Kennenlernen gleich Morgen, bei der nächsten #SchreibResi-Veranstaltung nach, deren Einladungstext ebenso kryptisch, wie spannend anmutet …
Monacensia Style eben 😉

Donnerstag, 22.9.2022/17h – Monacensia im Hildebrandhaus:

#SchreibResi: Der erotischste Friedhof, den ich je sah!
Ein halb-wahnsinniger Schreibspaziergang
mit Sandra Hoffmann und Dana von Suffrin

Schreibspaziergang? Aber nicht so, wie Sie denken! Wir wollen mit Ihnen Bogenhausen erkunden, inventarisieren und verstehen – und einmal ein bisschen anders auf diesen Stadtteil blicken.

Ein wenig nach dem Vorbild der französischen Künstlergruppe OULIPO aus den 1960er Jahren und an Raymond Queneaus „Stilübungen“ angelehnt, wollen wir uns beim Schreiben Zwänge auferlegen, um nicht immer in gleiche Muster zu verfallen. Und also, wollen wir mal nicht beklemmt?beklommen? auf dem Friedhof herumstehen, sondern lieber überlegen, wen man da auferstehen lassen und auf sein erotisches Potential abklopfen kann. Wir werden nicht ehrfürchtig zum Friedensengel hinaufglotzen, sondern ihn mit Kampfgeist zu uns und auf die Stadt hinabsprechen lassen. Und wie hört sich ein Liebesbrief an Franz von Stuck oder eine Lobrede auf den ansässigen Delikatessenladen an?

Eingeladen sind alle, die Lust haben mit den beiden Autorinnen etwa zwei Stunden durch Bogenhausen zu spazieren, zu staunen, zu lachen und zu schreiben, um danach die Ideen im Atelier der Monascensia zu kleinen Texten auszuarbeiten und natürlich: vorzulesen.
___
Eintritt frei
Anmeldung erforderlich unter monacensia.info(at)muenchen.de mit dem Betreff: #SchreibResi

___
Maximal 12 Teilnehmer*innen,
möglicherweise Wiederholungstermin am 29.09.2022, 17.00 – 21.00 Uhr 



„Im Schatten ist das Licht am hellsten …“ – Fotograf Sigi Müller, auch bekannt als Stadtspaziergänger der Münchner Abendzeitung, in einem Galerie-Portrait

Die frühen Morgenstunden im Englischen Garten als wiederkehrende Kulisse für atmosphärisch dichte Fotos, die ein Hund in derart strahlendem Weiß dominierte, dass er aussah wie ein mit Dash gewaschener, überdimensionaler Spitz….

Samoyeden-Hündin Shana, aufgenommen von Sigi Müller am 12.9.2022, bei einem der regelmäßigen Spaziergängen von Hund und Herrchen im Englischen Garten

Dazu jeweils kurze Kommentare, die die Bilderstrecken auf den Punkt und mich zudem oft zum Schmunzeln brachten, mir mitunter sogar ein lauthalses Lachen entlockten, was bei mir wirklich etwas heißen will!! Kurzum: Irgendwann im ersten Corona-Sommer entdeckte ich auf Facebook Sigi Müller, wurde Fan seiner Posts und entschloss mich, ihm eine Freundschaftsanfrage zu schicken, die er auch annahm.

21.06.2021, Sigi Müller in seinem Studio; Foto: Gaby dos Santos

Damit begann für mich eine anregende Auseinandersetzung mit der Bildersprache eines versierten Fotografen, der zum einen sein Handwerk von der Pike auf erlernt hatte, darüber hinaus aber das Talent mitbrachte, mit seiner Kamera zu zeichnen. Zwar bedeutet der Begriff des „FotoGrafierens“ per se nichts anderes als mit Licht zu zeichnen; diesen Vorgang aber tatsächlich herzustellen, verlangt weit mehr Können, als das schlichte Betätigen eines Auslösers. Erst durch das „Grafieren“ erlangt ein Foto Vollkommenheit, eine Anforderung, die beherrscht sein will und sich im Spannungsfeld von hell und dunkel, Licht und Schatten entwickelt.

„Im Schatten ist das Licht am hellsten.“

Fotograf Sigi Müller in einem Facebook-Post vom August 2022
Die Fotostrecke dazu im obigen Screenshot

Im Spannungsfeld von hell und dunkel:
Weitere Fotos von Sigi Müller

Die Fotos im Uhrzeigersinn: Model vor der Bayerischen Staatsoper, historisches Gebäude in Salzburg, Karl-Valentin-Brunnen am Münchner Viktualienmarkt, zwei Aufnahmen aus den Isar-Auen

Das Wechselspiel von Helligkeit und Dunkelheit kommt insbesondere in der Blauen Stunde, an der Grenze zwischen Tag und Nacht sowie in der Morgendämmerung zur Geltung. In dieser kurzen aber maßgebliche Zeitspanne lassen sich fotografisch besonders intensive Effekte erzielen. Deshalb siedelt Sigi Müller häufig Fotostrecken in diesem zeitlichen Rahmen an, teilweise mit spektakulären Effekten:

Sigi Müllers Foto erscheint mir wie ein fotografisches Pendant zu den spektakulären Sonnenuntergängen William Turners (unteres Foto), nur ohne den Krakatau ALS, respektive AM Auslöser … 😉

Gaby dos Santos, Facebook-Kommentar vom 30.8.21

Sigi Müller erwidert:

Du hast geschrieben, das fand ich sehr schön, dass meine Bilder wie Gemälde aussehen.

Es ist nicht so, dass ich nur das Bild oder den Ausschnitt sehe, sondern zuerst das Licht. Das ist ganz entscheidend. Als Fotograf musst du das Licht spüren, sonst bist du kein guter Fotograf. (…)

Und du kannst auch nur da Licht verwenden, wo auch Schatten ist. Und beides in Kombination und Ausgewogenheit lässt diese Bilder wie Gemälde aussehen.

Ausschnitt eines Interviews von Gaby dos Santos mit Sigi Müller; 23.6.2021

Sigi Müllers Passion für die Blaue Stunde

Buchcover

ISBN: 978-3-7630-4022-3 – München Verlag
128 Seiten, durchgehend farbig illustriert,
flexibler Einband, Format 24 x 17 cm
Mit deutschen und englischen Texten

Was für außergewöhnliche Effekte sich in der Blauen Stunde erzielen lassen, spiegelt sich auch in Sigi Müllers Bildband (links) wieder: Beim Durchblättern hatte ich das Gefühl, in ein bis dato unentdecktes München einzutauchen.

Der Klappentext erläutert:

Entdecken Sie München zur „Blauen Stunde“! Frühmorgens und spätabends verzaubert das Spiel der Farben die Stadt. Ein Kunststück – zur rechten Zeit am richtigen Ort zu sein, um die kurzen Momente im Bild festzuhalten! Münchens schönste Ansichten in Augenblicken voller Poesie zeigen Sigi Müllers Passion für diese ganz besondere Stimmung. (…)

Dazu Sigi Müller:

Die Blaue Stunde dauert abends in jeder Himmelsrichtung, je nachdem wie du fotografierst, nur ca. 10 Minuten. Da kannst du dir vorstellen, wie viele Abende ich mit den Bildern verbracht habe. Sie sind immer wieder beim Vorbeilaufen entstanden, während ich unterwegs war.

Viele Leute haben später die Bilder angeschaut und gesagt: „Mensch wir wussten gar nicht, was die Blaue Stunde ist. Doch jetzt, nach deinen Bildern, sehen wir sie auch im Alltag.“

Das fand ich schön.

Ausschnitt eines Interviews von Gaby dos Santos mit Sigi Müller; 03.6.2021
Foto: Sigi Müller, Selbstportrait; 14.8.2021

Viele von Sigi Müllers gelungensten Bildmotiven sind so – en passant – entstanden, eingefangen mit scharfem Rasterblick:

Ich schätze es sehr, dass ich dieses Auge habe, überall, wo ich stehe oder gehe. Wenn da ein Motiv ist, dann sehe ich das. Und ich sehe dann auch nur DEN Ausschnitt, der als Motiv funktionieren wird.

Diese Gabe wurde mir geschenkt, ich musste nichts dafür tun, den Rest drumherum habe ich mir natürlich erarbeitet.

Ausschnitt eines Interviews von Gaby dos Santos mit Sigi Müller; 07.7.2021

Das „Drumherum“, von dem Sigi Müller in obigem Zitat spricht, besteht zunächst einmal aus einer abgeschlossenen Foto-Lehre.

Eine Rolle spielt aber auch seine Jugend als gelernter Hesse (O-Ton München Verlag) in ländlicher Umgebung. Letztere vermittelte ihm früh ein Gefühl für die Welt von Flora und Fauna, das sich bis heute in seiner Naturfotografie widerspiegelt; beispielsweise in den Fotostrecken, in denen er die Streifzüge mit seiner Samojeden-Hündin Shana durch den Englischen Garten dokumentiert. Manche dieser Fotoausbeuten inspirieren ihn in Folge zu einer seiner wöchentlichen „Stadtspaziergänger-Kolumnen“ in der Abendzeitung.

Bemerkenswert – und vor allem sehr berührend – eine Bildergeschichte in der er über Jahre das Leben und Sterben eines Baumes dokumentierte
> „Mein Freund, der Baum“

Doch beschränkt sich Sigi Müllers Interesse keineswegs auf Natur pur. Ebenso finden sich in seinem Portfolio Architektur-Fotos, die durch ungewöhnliche Details oder Perspektiven hervorstechen, in denen er Gebäude-Schrägen fotografisch begradigt, in die bayerischen Himmel (ein anderes großes Thema für ihn) ragen lässt und gerne im Zusammenspiel mit der Natur zeigt.

Im Uhrzeigersinn: Arnulfsteg, das Städtische Hochhaus an der Blumenstraße, Haltestelle der Tram 23/Schwabing-Nord, Diana-Tempel im Hofgarten am frühen Morgen

Seine Leidenschaft für das Durchstöbern der Stadt mit der Kamera brachte ihn 2016 auf eine naheliegende Idee: Er schlug der AZ, für die er schon lange als Pressefotograf arbeitet, vor, die Leserinnen und Leser künftig an seinen fotografischen Streifzügen in Form einer Kolumne teilhaben zu lassen. Das Konzept leuchtete ein, zumal es bereits in der Vergangenheit der Münchner Abendzeitung einen berühmten Spaziergänger gegeben hatte, den unvergessenen Sigi Sommer (* 1914 in München; † 1996 ebenda), Schriftsteller und Journalist.

Denkmal für Autor/Journalist Sigi Sommer:
Die Bronzestatue „Der Spaziergänger“ von Max Wagner am Roseneck in der Münchner Rosenstraße
Stadtspaziergänger Sigi Müller im Dezember 2021 vor einem Plakat, das seine aktuelle Kolumne an allen Zeitungskästen der AZ in München bewirbt. Foto: Gaby dos Santos

Sigi Müller betont in Zusammenhang mit seiner Bewerbung, es wäre ihm dabei niemals in den Sinn gekommen, in die Fußstapfen des legendären Publizisten zu treten, sondern:

Ich habe mir fest vorgenommen, so zu fotografieren,
wie Sigi Sommer geschrieben hat!

Zitat aus einem Interview von Gaby dos Santos mit Sigi Müller; 16.9.2022

Insofern knüpft Sigi Müller erfolgreich an eine AZ-Tradition an, aber mit seiner eigenen Ausdrucksform: der Bildersprache. Woche für Woche fügt er dabei seiner ureigenen Topografie Münchens einen neuen Abschnitt hinzu und lädt uns Münchnerinnen und Münchner auf eine weitere Erkundungstour durch seine Linse ein …

Erläutert werden diese Stadtspaziergänge durch sparsam gehaltene, umgangssprachliche Texte, die in solcher Art nur ein Sigi Müller erfolgreich einzusetzen vermag, ohne je platt zu wirken. Vielmehr versteht er sich darauf, ganz ohne große Worte den Tiefgang seiner Inhalte, Assoziationen und Gedankengänge auszudrücken und einfühlsam auf seine Bilder abzustimmen. Dadurch entsteht ein Bild-/Text-Dialog, der gerade durch seinen schnörkellosen Stil besticht und emotional berührt. Das geht nicht nur mir so, sondern, den Rückmeldungen nach zu urteilen, auch vielen anderen MitbürgerInnen. Einige spazieren sogar die von Sigi Müller beschriebenen Routen nach. :-)#

Beispiele für AZ-Stadtspaziergänger-Kolumnen von Sigi Müller, 2021/2022

(Die Kolumnen erscheinen in der Regel montags oder am ersten Wochentag nach einem Feiertag, wenn dieser auf einen Montag fällt)

Wie es dem Stadtspaziergänger gelingt, mit der Landsberger Straße zu versöhnen ….

… Und das erste Kleinod in der „Allee“
findet sich bereits ganz am Anfang unter den Ausläufern der Donnersbergerbrücke.
Wunderschöne, märchenhafte Bilder an den Wänden. Kunstvoll gesprayte Schätze in unschöner Umgebung.

Ein altes Gründerzeitgebäude spiegelt sich in einer modernen Büroglaswand auf der andern Straßenseite und bietet ein surreales Bild.

Dann die großen Luftfiltersäulen an der Straße, die Schadstoffe wie Stickstoffdioxid, Feinstaub und Ozon reduzieren sollen. Wie große Lautsprechertürme stehen sie da – die Musik kommt von der Straße, leiser drehen kann man sie nicht

Aus Sigi Müllers AZ-Kolumne vom 12.9.2022

So, durch Sigis Augen gesehen, lässt sich die Landsberger Straße doch durchaus hinnehmen – oder? Zumal sie sich ja aus München auch nicht mehr wegdenken lässt …

Red Carpet und Konzertfotografie: Mitunter ein Ärgernis, aaaaber …

Red-Carpet Termine nimmt Sigi Müller so gut wie keine mehr wahr:

Man kennt es aus dem Fernsehen: Du stehst als Fotograf da und kratzt dich mit dem linken Fuß an der rechten Wade und kriegst den linken Fuß nicht mehr auf den Boden, weil da schon wieder ein anderer steht. (…)

Ausschnitt eines Interviews von Gaby dos Santos mit Sigi Müller; 01.7.2021

Da sieht sich der Anspruch, qualitativ hochwertiges Bildmaterial zu produzieren einem Vabanque-Spiel ausgesetzt. Ist einem der Zufall heute gnädig genug für ein gutes Bild gestimmt? Und die wachsenden Ansprüche der Künstler-Managements erleichtern die Arbeit an der Konzertbühne oder am Roten Teppich auch nicht gerade … ;-(

Meat Loaf fotografiert von Sigi Müller auf dem Tollwood Festival am 22.06.2005

Dennoch finden sich eine ganze Reihe intensiver Momentaufnahmen berühmter MusikerInnen in Sigi Müllers Foto-Fundus:

Doch mitunter führte der Job Sigi Müller auch hinter die Bühne und zu unvergessenen Begegnungen, wie der mit der 2021 verstorbenen Rocklegende John Miles:

Daraus entstand am 16.12.2021 der Nachruf:
>Music was his first love and it’ll be his last …


Mehr zu Sigi Müller > www.augenblick-fotografie.com


Mehr zu Fotograf Sigi Müller im GdS-Blog >

Wird geladen…

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte aktualisiere die Seite und/oder versuche es erneut.


Das Titelfoto stammt von Sigi Müller selbst und wurde in seinem Fotostudio aufgenommen


Faces for the Names: NS-Widerstand in der Münchner Maxvorstadt: 10-14.9.2022 Gedenkveranstaltungen u.a. mit Bildprojektionen auf Gebäudefassaden an wechselnden Orten

„Shalom Maxvorstadt!“ begrüßt Terry Swartzberg das Münchner Stadtviertel, das unmittelbar an Schwabing grenzt und lädt in seinem aktuellen Facebook-Post dazu ein, der NS-WiderstandskämpferInnen zu gedenken, die in diesem Viertel aktiv oder beheimatet waren. Zählt man all diese einmal durch, wird man feststellen, dass es sich um dabei um überraschend viele Bürgerinnen und Bürger handelt, die sich couragiert dem NS-Regime entgegen stellten, bereit, für ihre Zivilcourage auch mit dem Leben zu zahlen.

Menschen unterschiedlichster Couleur, aus kirchlichen oder akademischen Kreisen, Mitglieder von KPD oder SPD, Gruppierungen oder auch Einzelkämpfer, versuchten mit ebenso unterschiedlichen Mitteln, dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen Einhalt zu gebieten.

Die Liste von Widerstandskämpfer:innen in und aus der Maxvorstadt ist lang und beeindruckend. Insgesamt leisteten nicht weniger als 70 Menschen Widerstand gegen den NS-Terror!“

TERRY SWARTZBERG, Journalist & Ethical Campaigner

Traurig ist, daß sehr wenige von den mutigen Menschen heute bekannt sind. Noch trauriger ist, daß viele dieser Widerstandskämpfer:innen nie die gebührende Anerkennung bekommen haben.

Die heutige Zeit – die ja von Aggression, Antisemitismus und Rassismus geprägt ist – macht diese überfällige Anerkennung noch aktueller und wichtiger.

Dr. Svenja-Jarchow-Pongratz, Vorsitzende des Bezirksausschusses Maxvorstadt

Um das zu erreichen unterstützt der Bezirksausschuss Maxvorstadt das Gedenkprojekt „Faces for the Names – Widerstand in der Maxvorstadt“ des Vereins J.E.W.S. Jews Engaged with Society e.V. vom 10. – 14. September. Die Beiträge: Gedichte, Grafiken, Videos, Bildprojektionen sowie Raps und mobile Aufführungen des Kollektivs der jugendlichen Generation Commemoration bilden die Schwerpunkte der Veranstaltungen.

Faces for the Names Widerstand in der Maxvorstadt
beginnt am 10. September, um 19 Uhr, mit einem Gedenkzug
Startpunkt: das westliche Tor am Münchner Königsplatz
Die Teilnehmer:innen begeben sich über den Königsplatz zum NS-Dokumentationszentrum
wo der zentrale Gedenkakt stattfindet, mit Foto-Projektionen der Widerstandskämpfer:innen auf der Fassade (s. Titel-Collage)
Musikalische Umrahmung: Akkordeonistin Michaela Dietl

Die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen war ein politischer und ein widerständiger Akt – getragen zuallererst von Überlebenden, und später von Menschen und Initiativen aus allen Teilen der Gesellschaft und aus vielen Ländern. Die Erinnerungskultur in Deutschland ist ein Ergebnis dieses grenzüberschreitenden Engagements, ein Ergebnis der Vielfalt und Offenheit des Denkens, und damit ein zutiefst demokratisches Projekt.

Dieses Erbe ist ein Privileg, und zugleich bedeutet es eine große Verantwortung: im Widerstand gegen populistischen Faschismus und neue Formen von Antisemitismus und Rassismus, und im Eintreten für eine offene und liberale Gesellschaft.

Dr. Mirjam Zadoff, Direktorin des mitveranstaltenden NS-Dokumentationszentrums in München

Terminübersicht:

  • 10. September, 19 Uhr, Gedenkzug, Start am Königsplatz, westliches Tor
    über das NS-Dokumentationszentrum mit zentralem Gedenkakt
    und weiter bis zum Ägyptischen Museum
  • 11. September, 20 Uhr, Professor-Huber-Platz
  • 12. September, 20 Uhr, Augustenstraße 98
  • 13. September, 20 Uhr, Türkenstraße 26
  • 14. September, 20 Uhr, Loristraße 7

Zur Einstimmung

Schalom | Bild: picture-alliance/dpa

Auf BAYERN 2

Im Podcast Schalom

> LINK


Informationen & Kontakt:

Terry Swartzberg: sayhi@swartzberg.com
J.E.W.S. Jews Engaged with Society e.V. –
https://j-e-w-s.org/


Weitere Beiträge im GdS-Blog zu den Gedenkprojekten von Terry Swartzberg, u.a. Vorsitzender der Initiativen > Stolpersteine für München e.V. und
> J.E.W.S. – Jews Engaged with Society e.V

„Werden Sie HüterInnen der Erinnerung!“ – Aufruf zur Übernahme der Patenschaft für Stolpersteine, die, zum Gedenken an Holocaust-Opfer, Anfang April 2020 in München verlegt werden

  Stolpersteine erinnern an die Opfer des Naziterrors. Mit einer Spende von 120 € besteht die Möglichkeit, die Patentschaft für einen der Stolpersteine zu übernehmen, die Anfang April„„Werden Sie HüterInnen der Erinnerung!“ – Aufruf zur Übernahme der Patenschaft für Stolpersteine, die, zum Gedenken an Holocaust-Opfer, Anfang April 2020 in München verlegt werden“ weiterlesen

Terry Swartzberg: Kippa-Träger nonstop seit neun Jahren – Fazit eines Selbstversuchs

Ein Jubiläum, das sich sehen lassen kann, feiert heute Terry Swartzberg: Seit nunmehr neun Jahren, auf den Tag genau, trägt er nonstop Kippa, in Rahmen eines Selbstversuchs! Die Kippa (auch: Kippah, hebräisch כִּפָּה /Plural Kippot, jiddisch יאַרמלקע yarm[u]lke oder קאפל kappl)„Terry Swartzberg: Kippa-Träger nonstop seit neun Jahren – Fazit eines Selbstversuchs“ weiterlesen

Zum 80. Jahrestag der Ermordung in Kaunas von 997 jüdischem Bürgerinnen und Bürgern aus München: GEDENKVERANSTALTUNGEN Donnerstag 25. 11.,17h, Max-Joseph-Platz: Lichtinstallationen, Lesung und Gebet sowie Gedenkkonzert des Ensembles Zikoron; Weitere Lichtinstallationen FR, 26. – Mo, 29.11., Altstadt/Lehel, jew. 17h, aktualisiert durch ein Video

Am 25. November 1941 wurden insgesamt 997 Münchener Jüdinnen und Juden im Fort IX in Kaunas ermordet. Aus Anlass des 80. Jahrestages fand eine Open Air Gedenkveranstaltung am„Zum 80. Jahrestag der Ermordung in Kaunas von 997 jüdischem Bürgerinnen und Bürgern aus München: GEDENKVERANSTALTUNGEN Donnerstag 25. 11.,17h, Max-Joseph-Platz: Lichtinstallationen, Lesung und Gebet sowie Gedenkkonzert des Ensembles Zikoron; Weitere Lichtinstallationen FR, 26. – Mo, 29.11., Altstadt/Lehel, jew. 17h, aktualisiert durch ein Video“ weiterlesen

Am 20. November 1941 deportiert aus der Münchner Bayerstraße und ermordet am 25.11.1941 in Kaunas: Vom Leben und Sterben der Helene Simons – Ein Bericht zum 80. Gedenktag von Sibylle Schwarzbeck

„Eines Tages brachte Lenchen die Kunde, dass sie abtransportiert wird. Wir gingen am Vormittag alle zu ihr. Dann gingen wir mit ihr zum Bahnhofsvorplatz, dort musste sie mit vielen anderen„Am 20. November 1941 deportiert aus der Münchner Bayerstraße und ermordet am 25.11.1941 in Kaunas: Vom Leben und Sterben der Helene Simons – Ein Bericht zum 80. Gedenktag von Sibylle Schwarzbeck“ weiterlesen

Terry Swartzberg -Journalist & Ethical Campaigner Vorstand „Stolpersteine Initiative für München e.V.“ sowie „J.E.W.S e.V.“

Der Wahlmünchner schrieb rund 25 Jahre als Korrespondent für die International Herald Tribune. – Mehr s. Wikipedia Mit seinem Selbstversuch des permanent öffentlichen Tragens einer Kippa erregte er„Terry Swartzberg -Journalist & Ethical Campaigner Vorstand „Stolpersteine Initiative für München e.V.“ sowie „J.E.W.S e.V.““ weiterlesen

STOLPERSTEINE – Die individualisierten Gedenkblöcke von Bildhauer Gunter Demnig für Opfer des Holocaust

 „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Diese Erkenntnis aus dem Talmud inspirierte den Bildhauer Gunter Demnig zu seinen Stolpersteinen, individualisierten Gedenkblöcken aus Messing. 80.000„STOLPERSTEINE – Die individualisierten Gedenkblöcke von Bildhauer Gunter Demnig für Opfer des Holocaust“ weiterlesen

Lichtinstallationen in der NS-Zeit verfolgter SportlerInnen & Gedenklesungen vorerst bis 7.Mai, ab ca. 20 Uhr an der Außenfassade des Grünwalder Stadions in München

Kurt Landauer gilt gemeinhin als der Mann, der den FC Bayern erfand. Dass der ehemalige Fußballer und mehrfache Präsident des FC Bayern München sowie posthumer Ehrenpräsident, auf Grund seiner jüdischen Herkunft, zu den von den Nazis verfolgten SportlerInnen zählt, ist hingegen weniger bekannt. Dem stellt nun der Verein J.E.W.S. Jews Engaged With Society, unter Federführung von Terry Swartzberg eine Veranstaltungsreihe entgegen, die sich SportlerInnen widmet, die in der NS-Zeit verfolgt wurden, mit Lichtinstallationen zu biografischen Berichten

„Faces for the Names – Stadelheim Opfer“: Vom Hinrichtungs- zum Gedenkort > : Projektionen der Fotos von Hinrichtungsopfern der NS-Zeit auf die Außenmauer der JVA Stadelheim, 25. – 28.02., 19 Uhr sowie von 1- 3. März, Giesinger Bahnhof Vorplatz

„Einige der Hinrichtungsopfer der Nazis in der JVA Stadelheim sind weltbekannt: Hans und Sophie Scholl und andere Mitglieder der Weißen Rose sowie die Widerstandskämpfer der Olschewski-Binder-Gruppe“, heißt es„„Faces for the Names – Stadelheim Opfer“: Vom Hinrichtungs- zum Gedenkort > : Projektionen der Fotos von Hinrichtungsopfern der NS-Zeit auf die Außenmauer der JVA Stadelheim, 25. – 28.02., 19 Uhr sowie von 1- 3. März, Giesinger Bahnhof Vorplatz“ weiterlesen

Wird geladen…

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte aktualisiere die Seite und/oder versuche es erneut.


Der Bild-Collage zum Beitrag liegt ein Foto von Sigi Müller (AZ-Stadtspaziergänger) > www.augenblick-fotografie.com zugrunde,
in das von > Gaby dos Santos eine Fassadenprojektion von Sophie Scholl einmontiert wurde,
aus der Gedenkveranstaltung > Faces for the Names: Stadelheim-Opfer



Mit Philipp Gufler & KollegInnen eintauchen in die „Exzentrischen 80er“: Ausstellung mit Begleitprogramm im Kunstraum Lothringer13, München-Haidhausen, 9.9. – 6.11.2022

Von einem künstlerischen Multiversum ins nächste überzuwechseln, gestaltet sich gar nicht so leicht, wenn man eine gewisse künstlerische Konsolidierung erreicht und sich damit auch ein stückweit festgefahren hat. Dann bedarf es schon besonderer und vor allem persönlicher Begegnungen, um den Weg in neue Kunstwelten zu finden, zumal angesichts des mehr als (allen Unkenrufen zum Trotz) opulenten täglichen Veranstaltungsangebots. Da fällt es schwer, Entscheidungen zu treffen, es sei denn, man folgt der Agenda bestimmter Kunst- und Kulturschaffender, die man für sich entdeckt hat.

Philipp Gufler vor dem Amerika Haus mit einem Plakat zur Reihe „Trans Trans“, Juli 2022

Diesen Part erfüllt für mich u.a. der Künstler Philipp Gufler. Sein Engagement für das Forum Queeres Archiv München sowie in unterschiedlichsten Kunstprojekten, erinnert mich an meine früheren – noch Energie geladenen – Zeiten als vielseitige Kulturmanagerin und Veranstalterin, immer auf der Suche nach dem Unkonventionellen und nach überraschenden Perspektiven sowie nach „kreativer Reibung“. Inzwischen zunehmend in der Rolle einer „Kunst-Konsumentin“ und Bloggerin, lehne ich mich gerne zurück und verfolge gespannt, woran Philipp Gufler gerade als Macher oder Künstler beteiligt ist!

Im Juli 2022 beispielsweise ein der Künstlerin Lorenza Böttner gewidmeter Abend, im Rahmen der trans trans Ausstellung im Amerika Haus München sowie die bevorstehenden Ausstellungen
Various Others (ab 8.9., diverse Locations, hier ist Philipp als ausstellender Künstler zu sehen, s. nächster Punkt) und
To be Seen – Queer Lives 1900 – 1950
(ab 7.10. im NS-Dokumentationszentrum München; separater Blogbeitrag folgt)

Intensiv beschäftigt war Philipp Gufler aktuell mit den Vorbereitungen zu einer vielversprechenden Ausstellung und Veranstaltungsreihe, die gerade gestartet ist und idealerweise nur einen Hinterhof entfernt von meiner Wohnung stattfindet, im Kunstraum Lothringer 13 stattfindet, aus dessen Homepage ich ein paar Eckdaten nachstehend kopiere:

Exzentrische 80er:
Tabea Blumenschein, Hilka Nordhausen, Rabe perplexum
und Kompliz*innen aus dem Jetzt

> LINK

Tabea Blumenschein (1952–2020), Hilka Nordhausen (1949–1993) und Rabe perplexum (1956–1996) agierten ex-zentrisch im mehrfachen Sinn: Außerhalb des Zentrums der Aufmerksamkeit, abweichend von gesellschaftlichen Normen und oft auch der institutionalisierten Kunst. Die Ergebnisse ihrer Produktionen – Performances, Lesungen, Filme, Konzerte oder Wandmalereien – waren mitunter flüchtig, ephemer und damit damals weniger marktfähig. Blumenschein, Nordhausen und perplexum arbeiteten in den Städten Berlin, Hamburg und München. Sie repräsentierten nicht anerkannte Geschlechts- und Identitätsbilder und lebten sexuelle Orientierungen nonkonform. Ihre Arbeit überschritt die engen Grenzen von Genres und Ausdrucksweisen: So gründete Hilka Nordhausen den Off-Space Buch Handlung Welt, der Buchladen, Kunstraum und soziale Kontaktzone war. Tabea Blumenschein wirkte als Performerin, entwarf Kostüme für Film und Theater, und hinterließ ein Werk an Zeichnungen und Gemälden. Rabe perplexum realisierte im Verbund mit Freund*innen und Vertrauten Performances und Aktionen im öffentlichen Raum in München, malte und war eine*r der frühen digitalen Videokünstler*innen.

Das Ausstellungs- und Publikationsprojekt konzentriert sich auf Themen wie Subkultur, Queerness, performative und kollaborative Arbeitsweisen. Es erzählt eine andere Geschichte der Kunst der Achtziger in der Bundesrepublik; jenseits der großen männlichen Meistererzählung, die bislang das Narrativ dieser Jahre dominiert.

www.lothringer13.com

Die zeitgenössischen Künstler*innen Ergül Cengiz (*1975) (3 Hamburger Frauen), Philipp Gufler (*1989) und Angela Stiegler (*1987) befragen die Positionen der achtziger Jahre aus heutiger Sicht.  Deren strukturell verschüttetes Werk wird auf Basis von Archivmaterial, Austausch mit Wegbegleiter*innen sowie eigenen Kunstwerken aktiviert: Gemeinsam mit den Kunsthistorikerinnen Burcu Dogramaci und Mareike Schwarz entsteht ein Ausstellungsprojekt, in dem sich künstlerisch und kunsthistorisch situiertes Wissen verbindet. Somit werden die drei Positionen aus den achtziger Jahren sowohl im Bezug zueinander als auch mit den zeitgenössischen Kunstwerken für neue Perspektiven der Rezeption erschlossen.

Das Ausstellungsprojekt entsteht in Kooperation mit der Lothringer 13 Halle, München, der Galerie Nord | Kunstverein Tiergarten, Berlin und dem Kunsthaus Hamburg.

Zur Ausstellung erscheint eine deutsch- und englischsprachige Publikation bei b_books, Berlin.

Ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm mit Filmen, Lesungen, Workshops und Zeitzeug*innengesprächen begleitet das Projekt. 
(Text Ende)


Termine in Übersicht

08.09.22, 19 Uhr, Eröffnung
im Rahmen von Various Others 2022, mit einer Einführung durch das kuratorische Team und DJ Set von Mira Man ab 22.30 in der Bar Zum Roten Knopf, Steinstraße 63

10.09.22, 14 Uhr, 15 Uhr, 16 Uhr, Ausstellungsrundgänge
mit dem kuratorischen Team, Ergül Cengiz, Burcu Dogramaci, Philipp Gufler, Mareike Schwarz, Angela Stiegler

11.09.22, 16 Uhr, Book Launch
Sundowner Sunday mit Drinks, Launch des Katalogs „Exzentrische 80er“ (b_books, Berlin) und einem Gespräch mit den Herausgeber*innen

13.10.22, 19 Uhr, Round Table
zur Münchner Subkultur mit Diskurspartner*innen aus den 80ern und dem Heute. Gabi Blum (Sekretärin bei sub-bavaria), Holger Dreissig (Monokultur München) und Felix Flemmer (ZIRKA) diskutieren gemeinsam mit Mareike Schwarz zur Entwicklung, den Potenzialen und Herausforderungen von subkulturellen Initiativen vor Ort.

19.10.22, 19 Uhr, Screening und Talk „Lil Picard 1920s / 1980s“
Mit Philipp Gufler, Oona Lochner und Angela Stiegler. Moderation: Burcu Dogramaci. In Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum. Veranstaltungsort: NS-Dokumentationszentrum, Max-Mannheimer-Platz 1.

20.10.22, 19 Uhr, Screening und Talk „Nicht Mann, nicht Frau, nur Rabe”
(WDR, 1984, Regie: Katja Raganelli)
mit anschließendem Gespräch mit Toni Paula, Philipp Gufler und Mareike Schwarz.

23.10.22, 13–18 Uhr, Zine Workshop
zu Tabea Blumenschein, Hilka Nordhausen, Rabe perplexum und den 80er Jahren mit Stefanie Hammann (Hammann von Mier Verlag).
Anmeldung bis 20.10.2022 an projekt@lothringer13.com

26.10.22, 19 Uhr, Film-Double-Feature
„Demon” (1977)
von Heinz Emigholz und mit u.a. Hilka Nordhausen
und
„Madame X–Eine absolute Herrscherin” (1978)
von Ulrike Ottinger und/mit Tabea Blumenschein. Screening, Gespräch und Drinks mit Ergül Cengiz, Burcu Dogramaci, Angela Stiegler und Gästen.


protagonist*innen

Tabea Blumenschein Künstlerin
Ergül Cengiz Künstlerin
Burcu Dogramaci Kunsthistorikerin
Philipp Gufler Künstler
Hilka Nordhausen Künstlerin
Rabe perplexum Künstler*in
Mareike Schwarz Kunsthistorikerin
Angela Stiegler Künstlerin


LINK zu > MEHR

auf der Website www.lothringer13.com

Titelcollage: Veranstalter


Abschließend: Ich habe es fertig gebracht, über ein Jahrzehnt neben dem Bayerischen Nationalmuseum zu leben, ohne es jemals zu betreten!!! Ergab sich irgendwie nie, zumal ich ja täglich hätte hingehen können … Ähnlich verhielt es sich bis jetzt mit dem Kunstraum Lothringer13. Ich schreibe lieber nicht, wie lange ich schon einen Hinterhof weiter wohne, wusste aber immer schon – soviel zu meiner Entschuldigung 😉 – dass sich eines Tages DIE Gelegenheit finden würde, die mich in diese Heiligen Hallen zieht. Und so ist es nun gekommen …. 😉

auch dank der Schwerpunkte Subkultur und 80ies, in denen ich, als damals eingefleischter Jazz-Fan, die Bildende Kunst und ihre Münchner Szene damals total verpasst habe 😦
Daher lasse ich mich jetzt gerne von Vertreterinnen und Vertretern der Next Generation auf Zeitreise in meine eigene Münchner Vergangenheit und Jugend beamen.



Zu Bruno Balz: Recherche-Treffen mit Micaela Jary, Tochter des legendären Komponisten, am Puls deutscher Kulturgeschichte in der Monacensia

In der Monacensia, dem literarischen Gedächtnis der LH München – und somit selbst ein kulturhistorischer Ort – lernte ich endlich die Autorin und Zeitzeugin Micaela Jary Gabriel persönlich kennen, deren Vater wir zahllose Evergreens verdanken, wie Waldemar, Nachtigall, sing oder den ESC-Hit von 1962, Wir wollen niemals auseinander geh’n, der Heidi Brühl zum Star machte …

Vor allem wichtig für mich war, bei diesem sommerlichen Treffen im Garten der Monacensia mehr über Michael Jarys kongeniale Zusammenarbeit mit dem schwulen Textdichter Bruno Balz zu erfahren, die jahrzehntelang währte.

Gedenktafel am Wohnort von Bruno Balz in der Fasanenstraße

Insbesondere um deren Songs Davon geht die Welt nicht unter und Es wird einmal ein Wunder gescheh’n ranken sich hartnäckig Legenden, auf denen auch mein Historical Kann denn Liebe Sünde sein? beruht – leider!

Seit einiger einiger Zeit schon weisen Historiker auf diese teilweise Legendenbildung hin – sowie Micaela Jary Gabriel. Und diese, als Tochter des Komponisten und somit unmittelbare Zeitzeugin, muss es ja wissen! Insofern hätte die Kontaktaufnahme meinerseits noch vor Beginn der Produktion erfolgen müssen, aber immerhin bot sich mir nun verspätet die Gelegenheit, von ihr direkt zu erfahren, welche Teile meines Bruno Balz Historicals ins Reich der Fabeln würden exiliert werden müssen 😦

Keine schönen Aussichten in Zusammenhang mit einer Herzblut-Produktion, der ich inzwischen fast 20 Jahre meiner künstlerischen Vita gewidmet habe, aber unumgänglich. Siehe dazu auch nachstehenden Blog-Beitrag:

Die veruntreute Vita des schwulen Textdichters Bruno Balz – „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Mein Bühnenportrait zu den Schilderungen von Balz-Intimus Jürgen Draeger erweist sich als pseudo-biografisches Narrativ zwischen Halbwahrheiten, Lügen und Legenden

Beitrag von Gaby dos Santos, veröffentlicht am 25.6.2022, im GDS-Blog

Gleich zu Anfang unseres Treffens bestätigte mir Micaela Jary Gabriel, was mir bereits zuvor Balz‘ Großneffe sowie natürlich auch Nachlass-Verwalter und Haupterbe Jürgen Draeger berichtet hatten, dass nämlich Bruno Balz ein zutiefst liebenswürdiger, großzügiger und humorvoller Zeitgenosse gewesen sei. Micaela ist ihm in jungen Jahren oft begegnet.

WDR-Sendung „Stichtag“: 14. März 1988 – Todestag des Liedertexters Bruno Balz
Stand: 14.03.2018, 00:00 Uhr > LINK zur Sendung (ebenfalls mit Draegers Version zur Balz’schen Vita)

Allerdings erinnert Micaela Jary Gabriel die Entstehungsgeschichte des UFA-Hits Davon geht die Welt nicht unter wesentlich weniger spektakulär, als von Jürgen Draeger geschildert und quer durch die Medienlandschaft kolportiert: Nach dem großen Publikumserfolg des Songs Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, so Micaela Gabriel Jary, war Deutschlands oberster NS-Propagandist Joseph Goebbels schlichtweg auf der Suche nach einem weiteren Hit gleicher Schlagkraft für den Film „Die große Liebe“ mit Zarah Leander.

Also lud der Propaganda-Minister die besten Filmkomponisten, die Deutschland nach der Emigrationswelle verfolgter jüdischer Künstler noch aufzubieten hatte, zu einem Roundtable ein und trug ihnen sein Anliegen vor. Jary beklagte daraufhin sinngemäß, dass sich sein Textdichter aktuell in Haft befinde und ohne diesen sehe er sich außerstande, einen weiteren Durchhalteschlager von gleicher Qualität zu komponieren. Goebbles erwiderte wohl lapidar und ein wenig genervt, dann möge man den Inhaftierten eben wieder entlassen, worauf ihn Jary umgehend beim Wort nahm.

Allerdings seien die beiden Kunstschaffenden zur Produktion der Songs für „Die Große Liebe“ keineswegs in einer UFA-Baracke kaserniert worden, wie Draeger es stets geschildert hatte und Balz auch nicht „medikamentös wiederhergestellt worden“, widersprach Micaela Jary Gabriel und unterstrich einen zuvor schon auf in den Sozialen Netzwerken abgesetzten Post:

„Und nein, Bruno Balz wurde nicht in den Ufa-Studios in Babelsberg eingesperrt, um die Texte zu „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ und „Davon geht die Welt nicht unter“ zu schreiben.

Wozu auch? Er schrieb die Texte in seiner Wohnung an der Fasanenstraße 60 in Berlin-Wilmersdorf, nachdem ihn mein Vater Michael Jary aus der Gestapohaft befreien konnte. Das macht den Hintergrund nicht besser, aber nach meinen Informationen glaubhafter (und ich kannte jeden der Beteiligten ziemlich gut, auch Zarah Leander)“.
(…)
> Mehr

Micaela Jary Gabriel am 14.6.2022 auf Facebook

Eine Weile hatte Zarah Leander und Michael Jary eine leidenschaftliche Romanze verbunden, die sich auch in der einen oder anderen Songproduktion von Balz/Jary wiederfindet, eine Inspirationsquelle, über die ich hoffe, künftig noch mehr zu erfahren.

Bildcollage von Gaby dos Santos aus dem Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz

Auch Michael Jary selbst, den Balz liebevoll mit seinem Spitznamen Mäcki zu titulieren pflegte, fand Eingang ins Elysium unvergessener Songs, als Vorlage für jenen unwiderstehlichen Waldemar, der so gar nicht der Ästhetik – weder groß, noch blond – noch dem Heldenmythos – weder stolz noch kühn – der NS-Ideologie entsprach und dennoch Zarah Leander inbrünstig schmettern ließ: „… aber ich liebe iiihn!!!“

Bruno Balz’s Kumpel, Komponist Michael Jary inspirierte zur Figur des unwiderstehlichen Waldemar

Die Liaison zwischen Jary und Leander mündete schließlich in eine nachhaltige Freundschaft, wie sie sie ebenfalls mit Balz verband, und die sich in der Nachkriegszeit fortsetzte. Später ließ Leander ihren Erfahrungsschatz als gestandene Frau Micaelas noch unerfahrener Mutter zugute kommen, sorgte so mit dafür, dass diese ihren Führerschein machte und auch Frau Jary wurde …

Entsprechend widmete Tochter Micaela Jary der großen schwedischen Sängerin und Freundin der Familie 1993 ihr erstes literarisches Werk, eine Biografie in Romanform:

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n.
Die große Liebe der Zarah Leander
Jary, Micaela

Verlag: Edition q, 1993/2001
Antiquarisch zu beziehen u.a. über > ZVAB-Link

ISBN 10: 3861241528ISBN 13: 9783861241522

Leider standen Micaela und mir nur 1,5 Stunden für unser erstes Treffen zur Verfügung, wenig für ein so weites Feld an Themen und Protagonisten, die es durchzugehen galt. Vor allem zum Ende unserer Unterhaltung hin zeigte sich, wieviel weitere Recherche noch erforderlich sein wird, um endlich ein stimmiges Bild der Vita von Bruno Balz nachzuzeichnen, insbesondere, was seine Lebenssituation als schwuler Mann anbelangt. Durch den Paragrafen 175 drohte ihm noch bis !1969 wegen seiner sexuellen Orientierung Strafverfolgung, ein juristischer Umstand, der die LGBT-Community damals ins Verborgene zwang. So adoptierte Bruno Balz seinen langjährigen Partner Paul, um unbehelligt mit ihm leben zu können. Nach dessen Tod, 1986, setzte sich ein regelrechter „Run“ auf den zu erwartenden, beträchtlichen Nachlass von Balz in Gang, nun da es keinen anderen direkten Erben mehr gab. Diesbezüglich stellen sich mir nunmehr viele, teilweise unschöne Fragen darüber, ob und in welcher Form dieser liebenswürdige Mensch in seinen letzten zwei Jahren möglicherweise aus pekuniärem Kalkül heraus bedrängt worden ist – vom Ausverkauf seiner Vita an den Boulevard ganz zu schweigen!

Bruno Balz in späten Jahren am Klavier in Bad Wiessee, links sein Erbe Jürgen Draeger, auf dessen Reminiszenzen bislang das Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz“ von Gaby dos Santos beruhte, s. o.g. Bildcollage aus der Show

Umso dankbarer bin ich Micaela Jary Gabriel, dass sie sich bereit fand, mich am – ausgerechnet – heißtesten Tag dieses sowieso extrem heißen Sommers in der Monacensia zu treffen und auf meine Fragen Antworten zu liefern, die ihr inzwischen wie Platten mit Sprung vorkommen müssen, so oft, wie sie diese schon wiederholen musste, im Rahmen unzähliger Kino- und TV-Projekte, die in Folge niemals realisiert wurden. Es ist sicher nicht leicht, gewissermaßen ab Geburt als Tochter einer Musiklegende in der Öffentlichkeit zu stehen. Andererseits trugen die großbürgerliche, kulturell stark geprägte Lebensart der Eltern sowie ihre Kindheit als geliebte Tochter dazu bei, dass sie sich eine lässige Weltläufigkeit aneignen und – last not least – das eigene Künstler-Gen ausleben konnte 😉

„Als mich mein Vater nach meiner Geburt im UKE in Hamburg zum ersten Mal sah, sagte er: ‚Die wird mal Schriftstellerin!‘
(…)
Ich wuchs als Tochter des Filmkomponisten Michael Jary in der Welt des Kinos – und damit der erfundenen Geschichten – auf und begann schon sehr früh, mir Romanhandlungen auszudenken.“ (…)

> Mehr

Micaela Jary Gabriel auf ihrer Homepage > www.micaela-jary.de unter > „Vita

Vom väterlichen Namen hat sie sich als Autorin allerdings längst frei geschrieben. Unter dem Pseudonym Gabriela Galvani veröffentlicht sie historische Romane und unter dem Pseudonym Michelle Marly Romanbiografien.

Die Schriftstellerin bei einer Lesung

Aktuell widmet die Schriftstellerin, unter dem Namen Micaela A. Gabriel, dem weiblichen Parlamentarismus eine historisch-literarische Reihe, zu der sie gerade zwei Bände herausgebracht hat. Diese erfreuen sich, nicht zuletzt auf Grund der Relevanz des Themas, großen Zuspruchs.

Der dritte Teil, Schritte in eine neue Welt, erscheint am 31.1.2023 und beschließt die Trilogie.

Die Frauen vom Reichstag, eine Trilogie von Micaela A. Gabriel

> BAND III (ab 31.1.2023)

Inzwischen hat mir Micaela Jary Gabriel Email-Kontakte für meine weitere Recherche zukommen lassen sowie eine Reihe weiterführender Links, die es jetzt, nach überstandener Corona-Infektion, abzuarbeiten gilt.


Darüber hinaus steht am Montag ein Treffen an, in Zusammenhang mit einer bevorstehenden Wechselausstellung im NS-Dokumentationszentrum München. Ergänzt wird diese durch ein umfangreiches Begleitprogramm, in dem auch Bruno Balz berücksichtigt werden wird:

Projekt-Foto TO BE SEEN. queer lives 1900–1950:
NS-Dokumentationszentrum

WECHSELAUSSTELLUNG mit
Rahmenprogramm

TO BE SEEN. queer lives 1900–1950
07|10|2022 – 21|05|2023
NS-Dokumentationszentrum München

gefördert durch die
Kulturstiftung des Bundes



Zum 20. Jahrestag des Flugzeug-Absturzes bei Kristi im Himalaya würdigt ein Feature im Münchner Merkur das Benefiz-Projekt „Gold für Kristi“ von Markus Wössner: „Renates Tod soll nicht umsonst gewesen sein“

Am 22. August 2000 besteigt eine junge Frau ein Flugzeug. Dieses zerschellt kurz danach im Nebel an einer Felswand des Himalaya. Es war ganze 17 Meter zu tief geflogen. 17 Menschen finden den Tod, darunter Renate (s. Titelfoto), die Schwester von Markus Wössner. Dieser bewältigt das Unfassbare, in dem er beinahe aus dem Stand ein nachhaltiges Benefiz-Projekt startet: „Gold für Kristi“.

Knapp einen Kilometer Luftlinie von Ort der Tragödie entfernt, befindet sich inzwischen, auf Initiative von Markus, eine Schule für nepalesische Kinder und auf dem Schulhof befindet sich eine Stupa, die an die Opfer – darunter Markus Schwester und ihr Mann – erinnert.

Eine Schule will aber auch erhalten werden. Gut, dass Markus in Dauerschleife neue Ideen produziert, um Spenden aufzutreiben, unter anderem mit einem faszinierenden, weil ausgefallenen Projekt an der Schnittstelle zwischen Kunst und Sport, unter Mitwirkung von Sängerin Ariane Roth und für das Bildhauerin Andrea Matheisen eine Reihe von Bronze-Skulpturen namhafter Sportgrößen angefertigt hat. Dazu werde ich zeitnah noch in einem separaten Beitrag berichten.

Bildhauerin Andrea Matheisen in ihrem Garten vor einer ihrer Sportler-Skulpturen
aus der Reihe „Gold für Kristi“

Heute nun hat der Münchner Merkur, zum zwanzigsten Jahrestag des Flugzeugsabsturzes, Markus und seinem Projekt einen ausführlichen Beitrag gewidmet.


Mehr findet sich auch in meinem GdS-Blogbeitrag von 2021 >

Vom Sublimieren einer Tragödie:
Markus Wössner und seine Benefiz-Aktion „KUNST FÜR KRISTI“,
zugunsten von Schulkindern in Nepal

Im GdS-Blog erschienen am 3. September 2021 – Autorin: Gaby dos Santos

Die Titel-Collage von Gaby dos Santos zeigt Markus Wössner mit einer von Matheisens Sportler-Skulpturen auf dem Weg zur Redaktion des Münchner Merkurs



Der historische Münchner Kocherlball am Chinesischen Turm, ab 3.45h morgens in einer intensiven Fotostrecke festgehalten von Sigi Müller, auch bekannt als AZ-Stadtspaziergänger

Das Tanzbein schwingen, bevor es zur Arbeit geht …

So geschehen im ausgehenden 19. Jahrhundert, als sich im Sommer das Münchner Hauspersonal regelmäßige ein Tanzvergnügen gönnte. Sonntags trafen sich bei schönem Wetter, zwischen 5h und 8h früh, am Chinesischen Turm im Englischen Garten bis zu 5000 Hausangestellte, um das Tanzbein zu schwingen.

Danach war wieder „Welt“ und der Zauber der Ballnacht abrupt verflogen, denn die Arbeit rief wie immer, was die extrem frühe Uhrzeit des Kocherlballs erklärt. Das namensgebende Wort „Kocherl“ bezeichnet ursprünglich vor allem die Köchin, aber auch das Küchen/-Personal und wurde daher für das Tanzereignis übernommen.

Es ist früh am Morgen – seeehr früh am Morgen! Das galt Anno Dazumal ebenso, wie es bei Kocherlball 2022 gilt

Eine pfiffige Lösung für tanzfreudige FrühaufsteherInnen, die der Herrschaft jedoch als suspekt aufgestoßen sein muss, denn bereits 1904 wurde die Veranstaltung, angeblich aus !Mangel an Sittlichkeit, verboten.

Traditionsreiche, zeitlose Veranstaltung, jedenfalls für die, die es früh aus den Federn schaffen

Im Rahmen der Feierlichkeiten zum zweihundertjährigen Bestehen des Englischen Gartens wurde 1989 erstmals wieder ein Kocherlball durchgeführt. Seitdem findet die Veranstaltung einmal jährlich an einem Sonntag im Juli statt. Die Pächter von Restaurant und Biergarten am Chinesischen Turm sowie das städtische Kulturreferat laden jeweils zwei, jährlich wechselnde, Tanzkapellen ein, die, einander ablösend, von 6 bis 10 Uhr musizieren. Getanzt werden u. a. Walzer, PolkaZwiefacher und Münchner Française. (…) Viele Teilnehmer kommen in Tracht (Dirndl, Lederhose), manche auch in alten Dienstbotenuniformen oder bürgerlicher Kleidung des 19. Jahrhunderts. (Wikipedia > MEHR )

Bis heute erscheinen viele BesucherInnen in historischen Kostümen zum Ball

Nach zwei Jahren Zwangspause, bedingt durch Corona, war der Andrang zum Kocherlball in diesem Jahr besonders groß, trotz der herausfordernd frühen Uhrzeit – zumindest, was mich anbelangt. Glücklicherweise zählt Fotograf Sigi Müller zum Typus der Lerchen, für die frühes Aufstehen weiter kein Problem darstellt. Bereits ab 3.45 Uhr fand er sich am Chinesischen Turm ein.

Was er dann vor allem in der „blauen Stunde“, unmittelbar am Scheitel zwischen Nacht und Tag mit seinen Kameras an Stimmung eingefangen hat, erntete zu Recht, neben Riesenbeifall im Netz, auch eine ganze Seite in der Münchner Abendzeitung. Mich persönlich haben die Bilder berührt, als hätte ich die magische Atmosphäre selbst erlebt.

Um einige dieser Momentaufnahmen zu bewahren, veröffentliche ich sie auf dieser Seite,
mit freundlicher Genehmigung von Sigi Müller > www.augenblick-fotografie.com


Mehr Beiträge von und zu Fotograf Sigi Müller im GdS-Blog >


Mehr zu Sigi Müller > www.augenblick-fotografie.com



Marie Theres Relins pointierter Appell zum Besetzungsprocedere gegenüber Frauen in Film und TV

Mein Name ist Marie Theres, ich bin 56 Jahre alt und aufgrund meines Alters in Ihren Augen nicht mehr filmkompatibel.

So beginnt Marie Theres Relin ihr „offenes Bewerbungsschreiben“ an die „lieben ProduzentInnen, RegisseurInnen, FilmschaffendeInnen„.

Was die Schauspielerin, Autorin, Journalistin und Aktivistin in Folge formuliert, trifft so sehr ins Schwarze und liest sich so exemplarisch für den Umgang mit Frauen in der Film und TV-Branche, dass ich den Text im Wortlaut übernehmen und lediglich hinzufügen möchte, insbesondere angesichts des Titelfotos:

😢

Was für eine Vergeudung!

👎

Marie Theres weiter:

Aber ich bin Großmutter einer 7 Jahre alten Enkeltochter und bin insofern trotzdem „jung“.

Es wäre also wünschenswert, wenn Sie das verstaubte Bild der Frau und Mütter ein wenig aufpolieren und zeitgemäß darstellen würden.

Großmütter müssen nicht unbedingt einen Dutt tragen und den Rollator vor sich herschieben. Und Muttis müssen sich in 2022 nicht weiterhin freuen, dass die Schnitte locker in der Milch schwimmt u.s.w.

Die ganzen INNEN, Sternchen, Doppelpunkte und Co bringen nur was, wenn’s auch AUSSEN ankommt.

Liebe Grüße von der Oma

By the way: Ich wäre auch heimatkompatibel

😉 

Marie Theres Relin

Titel-Foto © Richard Fechter / Agentur Schneider-Press


Mehr zu Marie Theres Relin auf Wikipedia (Ausschnitte)

Marie Theres Relin; Quelle

Marie Theres Relin ist die Tochter der Schauspielerin Maria Schell und des Filmregisseurs Veit Relin. (…) Nach ihrer Kindheit und Jugend in Heberthal (bei Wasserburg am Inn) und in Paris, drehte sie 1983 unter der Regie von Zelda Baron in England ihren ersten Spielfilm Secret Places.

In den Jahren 1984 bis 1986 folgten Rollen deutschen in Fernsehfilmen und Serien. Für ihre Rolle in Fernsehspiel Das unverhoffte Glück von Franz Josef Wild wurde Relin 1987 als beste Nachwuchsschauspielerin mit der Goldenen Kamera ausgezeichnet.

Im Jahr 1987 lernte Marie Theres Relin den Dramatiker und Schauspieler Franz Xaver Kroetz kennen; das Paar heiratete 1992 und hat drei Kinder (…) Im November 2006 wurde die Ehe geschieden.

2002 rief sie die Internetplattform www.Hausfrauenrevolution.com ins Leben.
(…)
2004 erschien ihr erstes Buch If pigs could fly – Die Hausfrauenrevolution
(…)

> MEHR über Marie Theres Relin, ihre Vita und vielfältigen Aktivitäten auf ihrer Homepage



„Trobadora Beatriz“ von Irmtraud Morgner: Die Französin Martine Demay über das gesamtdeutsche Kultbuch der Frauenbewegung in den 1970er Jahren

Die Frauenbewegung hatte weltweit Fahrt aufgenommen, als 1974 in der DDR und 1976 in der BRD ein Montageroman von Irmtraud Morgner erschien, der bei den Leserinnen beider deutscher Staaten gleichermaßen Kultstatus erlangte: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura.

Antiquarische Ausgabe der „Trobadora Beatriz“ von 1989

Dieser fantastischen und zugleich hochpolitischen Geschichte eines weiblichen Troubadors, gefangen in der DDR, begegnete damals die französische Studentin Martine Demay, die es der Liebe wegen nach Deutschland verschlagen hatte. Dort fand sie zwar eine ihren Konventionen ergebene Bevölkerungsmehrheit in gesellschaftlichem Stillstand vor, zeitgleich aber auch eine hochaktive Studentenbewegung – sowie ihr Schicksalsbuch, dem sie später auch ihre Magisterarbeit widmete, zum Frauenbild in der zeitgenössischen DDR-Literatur am Beispiel des Trobadora-Romans von Irmtraud Morgner.

„In diesem Buch wurde die „Emanzipationsdebatte ohne Schaum vor dem Mund“ geführt. (…)“

Martine Demay

In einem Beitrag für die Anthologie Bücher, die uns bewegten erinnert sie:

Als ich in den siebziger Jahren meinem Herzen folgend nach Deutschland kam, hatte ich nicht die geringste Ahnung, was da auf mich zukommen würde. Geprägt von der unproblematischen Lebensart im südwestfranzösischen Bordeaux, begab ich mich aus freien Stücken auf unbekanntes Terrain, was in meinem französischen Freundeskreis mehr oder weniger auf Stirnrunzeln stieß. Deutschlands Ruf war dreißig Jahre nach Kriegsende noch immer ramponiert und Touristen von dort schlugen hier und da weiterhin Ressentiments entgegen. Hinzu kam in der Fantasie meiner Umgebung das Klima einer Transitlandschaft Richtung Sibirien…

Martine Demay in den 1970er Jahren als junge Studentin

Auf der Schule hatte ich mich für die beiden Mainstream-Fremdsprachen meiner Gegend entschieden: Englisch und Spanisch. Außer dass ich mich in einem Ferienlager im französischen Baskenland Hals über Kopf in einen deutschen Mitbetreuer verknallt hatte, wusste ich denkbar wenig über das östliche Nachbarland und sprach zu allem Überfluss auch kein Wort Deutsch. Das studentische Milieu, in das ich über meinen Freund hineingeriet, war mir gegenüber sehr aufgeschlossenen und bot mir einen schnellen Zugang zu Sprache und Kultur. Zunächst verständigte ich mich mit Händen und Füßen, aber sehr schnell kam ich in der neuen Sprache zurecht und fasziniert von der Horizonterweiterung entschied ich mich alsbald für ein Fernstudium der Germanistik an meiner Heimatuniversität mit relativ langen Prüfungsphasen vor Ort, eine gute Gelegenheit, Kontakt zur Gironde zu halten!

In Frankreich war zur Zeit meines Umzugs die Einschränkung der Geschäftsfähigkeit einer Frau, also die faktische Vormundschaft ihres Mannes, erst seit wenigen Jahren aufgehoben worden, während sich diesbezüglich in der Bundesrepublik schon so einiges bewegt zu haben schien.

Andererseits wurden bei uns so gut wie alle kleinen Kinder in der „Maternelle“ betreut und besuchten später Ganztagsschulen, was eine Berufstätigkeit der Französinnen erleichterte, während es keineswegs für alle westdeutschen Kleinen einen Kindergartenplatz gab und die Schule meist gegen 13.30 Uhr endete, was die Frauen an den Haushalt fesselte und ihre Berufstätigkeit nicht gerade förderte. Der Unterschied zwischen den politisierten Studierenden, mit denen ich verkehrte, und der Konventionalität der bundesrepublikanischen Wohlstandsgesellschaft insgesamt war für mich frappierend.

Martine Demay-Jerzewski

1975 kursierte – zunächst als Geheimtipp literaturwissenschaftlicher Seminare – ein gerade erschienener umfangreicher Roman der DDR-Schriftstellerin Irmtraud Morgner mit dem barocken Titel „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura“.

Sehr schnell wurde das 1974 im Ostberliner Aufbau-Verlag herausgekommene und alsbald auch in der Bundesrepublik aufgelegte Werk zum Kultbuch der westdeutschen Frauenbewegung, das natürlich auch in „meiner“ Wohngemeinschaft eifrig gelesen und diskutiert wurde, von Studentinnen ebenso wie von Studenten.

Offensichtlich kam die poetische und pragmatische Erdung des Morgnerschen Emanzipationsepos gut an im Vergleich und Kontrast zu schrilleren Tönen der westdeutschen Aktivistinnen. Wir nahmen das Buch sogar in den Semesterferien nach Portugal mit, wo wir uns zwischen Alentejo und Algarve durch den Wälzer hindurchhangelten, für mich sprachlich alles andere als einfach.

Aber die Minnesängerin aus der Provence, die nach jahrhundertelangem Dornröschenschlaf 1968 aufwacht, in die Pariser Mai-Revolte hineinkatapultiert wird und dann auf Anraten eines DDR-Journalisten in sein „gelobtes Land“ reist, um sich dort endlich als Frau frei zu fühlen und deshalb Hals über Kopf Deutsch lernt, ließ mich so schnell nicht mehr los, gab es doch die eine oder andere biografische Parallele mit mir. War ich nicht auch aus meiner Provinz aufgebrochen in unbekannte Gefilde und hatte mir – Liebe hin, Frauenfrage her – die deutsche Sprache ziemlich kurzfristig angeeignet? Im Übrigen gehörte die Pariser Mai-Revolte ja ohnehin zur Mitgift meiner Generation! Und so kam es nicht von ungefähr, dass ich zum Abschluss meines Studiums in Bordeaux Irmtraud Morgners Trobadora-Roman zum Thema meiner Magisterarbeit machte.

Beatriz de Dia, eine, wenn nicht sogar die einzige provenzalische Minnesängerin aus dem 12. Jahrhundert, von der lediglich fünf Lieder überliefert sind, wird von ihrem Geliebten, dem Troubadour Raimbaut d’Aurenga, als Künstlerin missachtet, obgleich sie doch für ihn ihren Ehegatten Guilhem de Poitiers verlassen hat. Aber wie konnte es selbst eine Adlige im Hochmittelalter wagen, ihren Geliebten aufs Sinnlichste zu besingen! Beatriz möchte um alles auf der Welt diese frauenfeindliche Epoche verlassen, was ihr mittels einer magischen Schlaftherapie gelingt, aus der sie gut 800 Jahre später just in dem Moment erwacht, als ihr verwunschenes Märchenschloss einer Autobahn weichen soll. Im Rahmen etlicher mehr oder weniger angenehmer Männerbekanntschaften lernt sie schließlich jenen DDR-Redakteur kennen, der ihr sein Heimatland auch und gerade hinsichtlich der Gleichstellung der Frau ans Herz gelegt hatte. ‚Nichts wie hin‘, denkt sich Beatriz, verlässt im Mai 1968 Paris mit dem Zug und reist als ebenso couragierte wie naive Minnesängerin am Bahnhof Friedrichstraße ins ‚gelobte Land‘ ein.

Bahnhof Friedrichstraße damals

Als sie der Grenzpolizist am Pass-Schalter nach ihrem Reisegrund fragt, erwidert sie ‚Ansiedlung im Paradies‘ zwecks Arbeitssuche, woraufhin dieser ihr antwortet, die DDR sei kein Paradies, sondern ein sozialistischer Staat, in dem Arbeitskräftemangel herrsche und jeder Werktätige willkommen sei.

„Beatriz dankte dem Polizisten und lobte den Glanz seiner weißen, ebenmäßig gewachsenen Zähne, die den bräunlichen Teint schön zur Geltung brächten. Das Lächeln schwand, Räuspern. Verlegenes Hüsteln. Rückgabe des Passes durch den Spalt mit einem Wunsch für gute Besserung.“

Original-Zitat aus dem „Trobadora-Buch“

Welch köstlicher Einstieg! 😉

Irmtraud Morgner stellt der naiv-radikalen Trobadora, die nach jahrhundertelanger Wartezeit nicht erneut um den Lohn ihrer Hoffnungen gebracht werden will, als Alter Ego die pragmatisch-realistische Laura Salman zur Seite, Diplom-Germanistin und geschiedene Mutter mit Kleinkind, die ihren Lebensunterhalt nunmehr als S-Bahn-Fahrerin verdient, aber immer noch einen Draht zur Literatur hat.

Das Zusammentreffen der Welten dieser beiden Frauenfiguren löst Morgner – selbst Eisenbahner-Tochter, deren Eltern nie auch nur eine Zeile ihrer Tochter gelesen haben – stilistisch mittels einer Montagetechnik, die Fiktionales und Dokumentarisches nebeneinanderstellt und miteinander verknüpft. Beispielsweise fügt sie große Teile ihres bis dahin nicht zur Publikation zugelassenen Romans „Rumba auf einen Herbst“ aus dem Jahre 1964 schlicht und einfach als Intermezzos ein. Grundsätzlich verzichtet sie auf eine lineare Handlungsführung, montiert Zeitungsartikel, Interviews, politische und fachwissenschaftliche Einsprengsel, aber auch Fabeln, Kurzgeschichten, Lieder und Gedichte zusammen, baut Bibel-Verse ebenso ein wie Zitate von Rousseau, Lenin oder ihrem Schriftstellerkollegen Volker Braun. Heraus kommt dabei in Form und Inhalt ein buntes Potpourri.

Morgner sieht ihre Schreibweise geprägt vom ‚Lebensrhythmus einer gewöhnlichen Frau, die ständig von haushaltsbedingten Abhaltungen zerstreut wird.‘

Hinsichtlich des ‚gelobten Landes‘, in das sie da geraten ist, stellt Beatriz schließlich fest, dass die gesetzliche und ökonomische Gleichstellung der Frau realiter keine grundlegende Veränderung weiblicher Lebensbedingungen gebracht hat und so verlässt sie diese Welt ebenso absurd und abrupt, wie sie in sie hineingeraten ist:

Sie stürzt beim Fensterputzen in Lauras Wohnung ab.

Dass eine DDR-Schriftstellerin, die ja damals – zumal ohne Handy und Computer – weit ab vom Schuss war, derart detailliert und authentisch von den sozialen Unruhen und Umbrüchen in Frankreich zu berichten wusste, dass sie den ‚Dornröschen‘-Stoff, den die Gebrüder Grimm wohl Charles Perraults bereits 1697 erschienener Vorlage ‚La belle au bois dormant‘ entnommen hatten, so kongenial verwendete, beeindruckte mich ebenso wie ihre narrative Stellungnahme zur Emanzipationsdebatte ohne Schaum vor dem Mund.

15.11.1973 Berlin: VII. Schriftstellerkongress In einer Beratungspause:
Irmtraud Morgner im Gespräch mit Kollegin Christa Wolf (r.),
die dem Präsidium des Schriftstellerkongresses angehört; ADN-ZB Katscherowski

Mit meiner Magisterarbeit war ich nunmehr also auch literaturwissenschaftlich reflektierend in Deutschland angekommen. Nicht nur für Alice Schwarzer, Protagonistin der westdeutschen Frauenbewegung, war die ‚Trobadora Beatriz‘ einer der wichtigsten und interessantesten Romane der siebziger Jahre: Morgners Stil bis hin zur ‚Gauklerlegende‘ gefällt mir bis heute! Und was mein Motiv, vor nunmehr fast 50 Jahren nach Deutschland zu kommen, angeht, so hat die damalige Romanze bis heute gehalten, länger als jede Liaison der legendären Minnesängerin.

(Martine Demay-Jerzewski)


Denn ist es nicht das, was die Literatur für uns bewirkt?
Sie schenkt uns ein doppeltes und vielleicht sogar ein dreifaches Leben.“

Willi Bredemeier, Herausgeber von Bücher, die uns bewegten, der Anthologie, aus der auch der Beitrag von Martine Demay-Jerzewski stammt; Zitat Seite 98


Mehr zum Buch, aus dem der Beitrag von Martine Demay-Jerzewski stammt:

Bücher, die uns bewegten

Bücher, die uns bewegten

Willi Bredemeier

2021 –

142 Seiten – Softcover

ISBN 978-3-945610-65-7

14,90 €

BESTELL-LINK

Simon Verlag für Bibliothekswissen


Die veruntreute Vita des schwulen Textdichters Bruno Balz – „Kann denn Liebe Sünde sein?“: Mein Bühnenportrait zu den Schilderungen von Balz-Intimus Jürgen Draeger erweist sich als pseudo-biografisches Narrativ zwischen Halbwahrheiten, Lügen und Legenden!

Zweifel daran, ob die Biografie von Bruno Balz tatsächlich deckungsgleich mit den Schilderungen seines Erben und Nachlassverwalters Jürgen Draeger (+ 2020) sei, hatte ich schon länger gehegt, zunehmend mit jedem neuen, mir bis dato unbekannten Detail, das in einem der Interviews auftauchte, die Draeger kontinuierlich im gesamten deutschsprachigen Raum gab.

Bildcollage zu Jürgen Drager, u.a. aus einem ORF-Beitrag; Quelle: Jürgen Draeger

Auch Micaela Jary Gabriel, Tochter von Balz‘ musikalischem Weggefährten Michael Jary, die ich über Facebook kannte, hatte mir gegenüber Andeutungen gemacht, dass sich ihre Erinnerungen von denen Draegers deutlich unterscheiden würden … 😉 Daher plante ich, mich bei der ersten Gelegenheit mit ihr persönlich auszutauschen. Bis dahin beschloss ich, mein Bühnenportrait auf Eis zu legen und warnte in einem letzten Telefonat auch den ehemaligen Chanson-Interpreten unserer Produktion, Albrecht von Weech.

Für die Aufführungen 2018/2019 hatten Thomas Erich Killinger (musikal. Ltg.) und Gaby dos Santos (künstl. Ltg.)
den Münchner Chansonnier Albrecht von Weech als Interpreten der berühmten Songs von Balz/Jary engagiert

Thomas Erich Killinger (musikalische Leitung) und ich (Gesamtleitung) hatten Albrecht von Weech ab 2017 für den Gesangspart im Historical engagiert; inzwischen trägt er erfolgreich die in unserer Produktion kolportierte Version der Balz’schen Vita in Eigenregie weiter – und entsprechend die darin enthaltenen historischen Fehler 😏

In ihrem Post vom 14.6.2022 auf Facebook stellte Micaela Jary Gabriel jetzt klar, dass zumindest einige Schlüsselepisoden aus der Vita von Bruno Balz, in der Form, wie sie von Jürgen Draeger in Umlauf gebracht wurden, historisch nicht standhalten!

Anlass für Jarys Statement war ein Artikel in der Münchner Abendzeitung im Vorfeld einer Revue im Silbersaal des Deutschen Theaters, „KANN DENN LIEBE SÜNDE SEIN – Eine Hommage an den unbekannten Weltstar Bruno Balz. von und mit Albrecht von Weech!“

In ihrer Wortmeldung moniert Micaela Jary Gabriel:

Es ist wirklich erstaunlich, wie standhaft sich eine Geschichte hält, die reißerisch das erzählt, was alle Beteiligten etwas weniger sensationslüstern berichteten.

Und nein, Bruno Balz wurde nicht in den Ufa-Studios in Babelsberg eingesperrt, um die Texte zu „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“ und „Davon geht die Welt nicht unter“ zu schreiben. Wozu auch? Er schrieb die Texte in seiner Wohnung an der Fasanenstraße 60 in Berlin-Wilmersdorf, nachdem ihn mein Vater Michael Jary aus der Gestapohaft befreien konnte. Das macht den Hintergrund nicht besser, aber nach meinen Informationen glaubhafter (und ich kannte jeden der Beteiligten ziemlich gut, auch Zarah Leander).

Edit: Bruno Balz hat übrigens seine Cousine Selma geheiratet, der er sehr zugetan war. Nicht irgendeine Frau, die ihm von der Partei zugeteilt wurde. Das sind alles so lächerliche Erfindungen!

Übrigens habe ich hier nur zufällig die Münchner Abendzeitung verlinkt, der Text wurde mehr oder weniger identisch in den vergangenen Tagen in mehreren deutschsprachigen Zeitungen abgedruckt.

Micaela Jary Gabriel am 14.6.2022 auf Facebook

Leider betrifft Jarys Gegendarstellung auch mein 2004 produziertes Historical „Kann denn Liebe Sünde sein – Bruno Balz“, weil es auf den Schilderungen und sogar O-Ton-Einblendungen Jürgen Draegers beruht. Und natürlich führt sich die historische Fehlerhaftigkeit automatisch in den Ableger-Produktionen des ursprünglichen Historicals fort und in davon inspirierten Medienbeiträgen, da allen Jürgen Draeger, ob nun direkt oder durch Abschrift, als Quelle zugrunde liegt. Das gilt auch für den von Micaela Jary Gabriel beanstandeten, nachstehenden Artikel:

Das Foto aus den 1920er Jahren zeigt den Sexualforscher Magnus Hirschfeld höchstwahrscheinlich mit dem jungen Bruno Balz; Quelle: Jürgen Draeger

AZ-online: Artikel > LINK
vom 11. Juni 2022 – 8:35h
von Adrian Prechtel, Gregor Tholl

80 Jahre „Die große Liebe“: Makabre Geschichte de NS-Propagandafilms

80 Jahre „Die große Liebe“:
Der NS-Durchhaltefilm mit Zarah-Leander-Hits hat eine makabere Hintergrundgeschichte.

Dem Textdichter Bruno Balz ist jetzt eine Revue im Deutschen Theater (München) gewidmet.

(…)

Was Micaela Jary Gabriel bemängelt, ist die Legendenbildung, die sich zunehmend um die Entstehungsgeschichte einiger der bekanntesten Lieder des Kreativ-Duos Balz/Jary rankt, ein Umstand, an dem ich leider alles andere als unschuldig bin:

Jürgen Draeger bei der Uraufführung der Bruno-Balz-Biografie, Allotria Keller, Münchner Künstlerhaus, 2004

Ohne weitere Zeitzeugen-Befragung, beispielsweise besagter Micaela Jary Gabriel, habe ich in meinem Historical den berühmten Songs wie „Davon geht die Welt nicht unter“, „Es wird einmal ein Wunder geschehen“ oder „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ etc. Schlüsselmomente aus der Vita von Bruno Balz gegenübergestellt, genau so wie sie Juergen Draeger mir geschildert hatte.

… Blauäugig bin ich davon ausgegangen, dass sich die Ereignisse genau so abgespielt haben mussten, wie mir dargestellt, schließlich war Draeger der rechtmäßig anerkannte Hüter des Balz’schen Vermächtnisses – oder? Und Draeger verstand es, mich in seinen Bann zu ziehen…

Zarah Leanders Sofa?

Die unfassbare Lebensgeschichte von Bruno Balz, aus Sicht Jürgen Draegers, vernahm ich erstmals 2004, auf einem roten Sofa sitzend, von dem mein Gastgeber berichtete, Zarah Leander persönlich habe es Bruno Balz geschenkt! Wow!! Überspitzt formuliert empfand ich mein Hinterteil als mitten in die sagenumwobene UFA-Ära hinein gebettet!

Jürgen Draeger erzählte dabei derart packend, dass der Ton-Mitschnitt, den ich lediglich als Gedächtnisstütze hatte aufnehmen lassen, in Form von O-Ton-Einblendungen zur Basis meines Historical„Kann denn Liebe Sünde sein – Bruno Balz“ wurde.

In Folge nahm ich mir fest vor, diese Künstlervita in Bühnenform so erfolgreich wie möglich weiterzuverbreiten. Auf diese Weise wollte ich dazu beizutragen, dem Autor der Texte von Hits wie „Davon geht die Welt nicht unter“, „Waldemar“ oder „Sing, Nachtigall sing“ einer breiteren Öffentlichkeit einen Namen, eine Biografie und ein Gesicht zu verleihen! Diese Geschichte gehörte einfach erzählt!

Zumal die Anonymität des Autors, so Draeger, kein Zufall, sondern vielmehr durch dessen Homosexualität begründet war, die nicht nur im Dritten Reich, sondern bis in die Nachkriegszeit hinein durch Paragraf 175 strafrechtlich verfolgt wurde, ein vor zwanzig Jahren noch ebenfalls wenig bekannter Umstand. Es drängte mich daher, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln, über all das aufzuklären, was Bruno Balz insbesondere und schwulen Männern allgemein an Unrecht widerfahren war!

Bildprojektion zum § 175 aus dem Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz“

Zwischen 2004 und 2020 führte ich also mit „Kann den Liebe Sünde sein – Bruno Balz“ ein Stück auf, das sich als absolut zuverlässiges Pfund erwies: Niemand übte jemals Kritik oder hinterfragte die historischen Hintergründe zu einer Biografie, in der es um das Schicksal eines in der NS-Zeit verfolgten Künstlers ging. WEIL es darin um das Schicksal eines NS-Opfers ging? 🤔 Dem gegenüber entwickelt sich leicht eine Empathie, aus der heraus sich Nachfragen zu verbieten scheinen. Wie auch immer – Eine Publikation nach der anderen erschien, sogar in Fachzeitschriften. Auch an den Texten meines Skripts bediente sich der eine oder andere Kollege fleißig, es kam sogar zu Urheberrechtsdisputen über die Weiterverbreitung von Inhalten, die sich im Nachhinein als historisch unzulänglich erweisen!

LOGO des Bruno Balz Archivs in Berlin,
gegründet von Jürgen Draeger und jetzt weitergeführt von
seinem Witwer Pietro und dessen Bruder Claudio Maniscalco

Schließlich gründete Jürgen Draeger das Bruno Balz Archiv in Berlin, was seinen Ausführungen ein Plus an historischer Seriosität verlieh und tourte weiter durch die Medienlandschaften Deutschlands und Österreichs, sah sich als Botschafter seines Freundes. Für ihn, den Maler, Schauspieler und ehemaligen Bravo-Posterboy fiel dabei auch stets ein Hauch von UFA-Patina ab, den er gekonnt zu kultivieren verstand. Zum Beispiel in nachstehendem Beitrag, in dem er einem Film-Team aus Österreich diesmal zwar nicht Zarah Leanders Sofa, aber dafür ein kostbares Glas präsentiert, aus dem die Diva getrunken haben soll 😉

Was ich mir jetzt vorwerfe ist, dass ich, dass wir es vielleicht gar nicht so genau wissen wollten? Traurig, aber wahr: Jürgen Draeger lieferte einen Stoff, aus dem sich ein spektakuläres Drama maßschneidern ließ – und ein – angeblich – authentisches noch dazu!

Familiengrab in Berlin Wilmersdorf
> FOTO-QUELLE

Es klang einfach spannend, wie Bruno Balz gezwungen wurde, seine Kusine Selma zu heiraten, um der Haftanstalt Plötzensee zu entkommen.

In meinem Stück schildert Draeger im O-Ton und mit reichlich brumm, brumm-Geräusch, wie SS-Männer auf Motorrädern Selma im hintersten pommerschen Eck aufsuchten, um ihr die Ehe mit Balz anzutragen …. Stimmiger Liedbeitrag nach dieser Passage: „Mein Herz sucht eine Königin“

Das erzwungene Arrangement habe dann zu einer lebenslangen Ehehölle und Selma nach dem Krieg in die Tablettensucht geführt …

Diese Schilderung führte zu einem herzhaften Lachanfall seitens Micaela Jary Gabriel am anderen Ende der Leitung, als ich ihr jetzt von dieser Darstellung berichtete. In Wirklichkeit nämlich ruht Selma Balz, geborene Pett, friedlich im Familiengrab in Berlin Wilmersdorf, neben Brunos Eltern sowie seinem Adoptivsohn und de facto Lebensgefährten Paul, der zwei Jahre vor Balz starb…

Besonders bewegend gestaltet sich Draegers O-Ton-Schilderung, wie es Bruno Balz gelang, sich unter dem Motto „Davon geht die Welt nicht unter“ in Haft seelisch wieder aufzurichten, als ihm die Deportation drohte und damit der fast sichere Tod, denn die Sterblichkeitsrate unter den inhaftierten homosexuellen KZ-Häftlingen lag besonders hoch.

Homosexuelle KZ-Häftlinge in einer Bildcollage von Gaby dos Santos aus der Produktion
„Kann denn Liebe Sünde sein? Bruno Balz“

Somit, so Draeger, sei bereits der erste von zwei Songs angelegt gewesen, die zur Vollendung des Propaganda-Spielfilms „Die große Liebe“ noch fehlten. Mit dem zweiten habe es sich nicht viel anders verhalten: Brunos Optimismus habe in ihm die Gewissheit „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ geweckt und zum zweiten Evergreen inspiriert. So hätten es ihm, Draeger, zum einen Brunos Anwalt und zum anderen Michael Jary geschildert, letzterer „in knappen Worten„. Schließlich habe man Balz mit Spritzen gedoped, um ihn nach der Haft wieder auf Kreativität zu trimmen und, gemeinsam mit Jary, in eine UFA-Baracke zur Fertigstellung der Songs gesperrt …

„Die große Liebe“, 1942, überaus erfolgreicher NS-Propaganda-Spielfilm der UFA von Rolf Hansen

Das hörte sich natürlich wesentlich farbiger an, als Micaela Jarys Version zweier am heimischen Schreibtisch entstandener Songs. Zudem datiert Micaela die Entstehung des „Wunder„-Songs um einiges vor. (Was sich ohne größeren Aufwand wird nachweisen lassen.)

Auch den Titel Wir wollen niemals auseinander gehen greift Jürgen Draeger gegen Ende meiner Produktion auf. Er soll 1960 Balz und Jary für immer entzweit haben, weil Jary das Lied, das Balz Zarah Leander zugedacht hatte, unabgesprochen an die blutjunge Heidi Brühl weitergab, die damit einen Nummer Eins Hit in Deutschland landete und auch international punkten konnte.

Micaela Jary Gabriel jedoch berichtete mir von einer viel späteren NDR-Dokumentation um 1982/1983, Titel „Durch Dich wird diese Welt erst schön„, in der Balz und Jary noch immer in trautester Zweisamkeit gemeinsam vor der Kamera agieren. Auch soll Jary bei Balz, in dessen letztem Domizil am Tegernsee, zu Gast gewesen sein.

WDR-Sendung „Stichtag“: 14. März 1988 – Todestag des Liedertexters Bruno Balz
Stand: 14.03.2018, 00:00 Uhr > LINK zur Sendung

Ein Detail bezüglich der Beziehung des Kreativ-Duos „Balz/Jary“ stimmt bei Jürgen Draeger und Micaela Jary Gabriel zumindest überein: Die beiden Künstler lernten sich kennen, während der junge, noch mittellose und äußerst hungrige Jary eine Erbsensuppe löffelte.

Das war es dann aber auch schon wieder mit der Deckungsgleichheit. In Draegers Version fand das Treffen im legendären Berliner Groschenkeller statt und die Erbsensuppe wurde von der ebenso legendären Diseuse Claire Waldoff armen Künstlerkollegen gestiftet.

Laut Micaela Jary jedoch fand die historische Begegnung bei einer NDSAP-Veranstaltung statt. Den Flyer dazu hat ihr Vater aufbewahrt und befindet sich heute in ihrem Besitz …

Fazit: „Gut gemeint“ bedeutet eben nicht automatisch „gut getan“, sondern will „gut durchdacht sein“ 😦

Nachdem schon die Nazis Bruno Balz als Fließbandtexter für Durchhalte-Hits instrumentalisiert hatten, wurde nun von Draeger, mir und vielen anderen seine Vita veruntreut; inwieweit, bleibt herauszufinden. Dafür möchte ich, mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln Sorge tragen und danach die Geschichte neu auf die Bühne bringen.

Gedenktafel für Bruno Balz und Michael Jary an der Hausfassade der Fasanenstraße 60

An seinem Schicksal als verfolgter Schwuler im Dritten Reich sowie anschließend in der Bonner Republik hatte Bruno Balz, wie alle Opfer, schwer genug zu tragen.

Einer solchen dramaturgischen Überspitzung hätte es nicht bedurft!
Ich bedauere zutiefst, dass es dazu gekommen ist und entschuldige mich dafür.

Gaby dos Santos, 25.6.2022

Zur Dokumentation weitere Beiträge über Bruno Balz und Jürgen Draeger,
die VOR meinem Austausch mit Micaela Jary veröffentlicht wurden

Zu Bruno Balz: Recherche-Treffen mit Micaela Jary, Tochter des legendären Komponisten, am Puls deutscher Kulturgeschichte in der Monacensia

In der Monacensia, dem literarischen Gedächtnis der LH München – und somit selbst ein kulturhistorischer Ort – lernte ich endlich die Autorin und Zeitzeugin Micaela Jary Gabriel persönlich kennen, deren Vater wir zahllose Evergreens verdanken,„Zu Bruno Balz: Recherche-Treffen mit Micaela Jary, Tochter des legendären Komponisten, am Puls deutscher Kulturgeschichte in der Monacensia“ weiterlesen

Auf Zarah Leanders Sofa begegnen einander die schillernden Künstler Albrecht von Weech und Jürgen Draeger – letzter Lebensgefährte von Bruno Balz – in einer NDR-Kurzdoku mit Schönheitsfehlern

[Nachtrag vom 24.6.2022: Nach mehreren Telefonaten mit Micaela Jary Gabriel, der Tochter von Bruno Balz musikalischem Weggefährten Michael Jary, hege ich erhabliche Zweifel in Bezug auf die historische Richtigkeit einer Reihe von Aussagen Jürgen Draegers,„Auf Zarah Leanders Sofa begegnen einander die schillernden Künstler Albrecht von Weech und Jürgen Draeger – letzter Lebensgefährte von Bruno Balz – in einer NDR-Kurzdoku mit Schönheitsfehlern“ weiterlesen

„Ich drücke mit großem Vergnügen die Tasten …“ Der Komponist und Autor Thomas Erich Killinger am Piano des Historicals „Kann denn Liebe Sünde sein?“ über den schwulen UFA-Textdichter Bruno Balz

… ich drücke mit großem Vergnügen die Tasten … ein wirklich hörens- und sehenswertes Ereignis … , schreibt der Komponist, Arrangeur und Autor Thomas Erich Killinger auf seiner offiziellen Facebook-Seite. anlässlich der bevorstehenden Wiederaufnahme meines Historicals „Kann denn„„Ich drücke mit großem Vergnügen die Tasten …“ Der Komponist und Autor Thomas Erich Killinger am Piano des Historicals „Kann denn Liebe Sünde sein?“ über den schwulen UFA-Textdichter Bruno Balz“ weiterlesen

Jürgen Draeger (1940 bis 2020): Aus dem Füllhorn eines Künstlers und – inzwischen -umstrittenen Kultur-Chronisten

Dass Jürgen Draeger schon mit 19 Jahren, menschlich wie künstlerisch, den erfolgreichen Textdichter Bruno Balz nachhaltig beeindruckte, wundert mich nicht: Der Schauspieler, Maler und Kultur-Chronist Jürgen Draeger zählt zu den vielseitigsten Künstlerpersönlichkeiten, die mir je begegnet sind. Mitunter„Jürgen Draeger (1940 bis 2020): Aus dem Füllhorn eines Künstlers und – inzwischen -umstrittenen Kultur-Chronisten“ weiterlesen


Titel-Collage von Gaby dos Santos, Foto Mitte von Dirk Schiff/portraitiert.de
Mittleres Bild:
ENSEMBLE 12018/2019 „Kann den Liebe Sünde sein – Bruno Balz
Im Uhrzeigersinn:
Sitzend Albrecht von Wech (Chansonnier), Gaby dos Santos (Produzentin, Autorin, Textvortrag),
Lutz Bembenneck (Textvortag), Thomas Erich Killinger (Pianist und musikalischer Leiter)
Mitte rechts unten mit Hut: Jürgen Draeger
Linke Seite: Historische Bildfragmente zu Zarah Leander
Rechte Seite oben: Bruno Balz


Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: