„Was für ein Schock damals, was für ein Schmerz bis heute …“ – Zur Gedenkveranstaltung am 5. Jahrestag des Attentats im Olympia-Einkaufszentrum, Hintergründe, Zitate, Bilder und Video-Clips

Sobald die Musik des Sinto-Quartetts einsetzt, greift die Frau in der ersten Reihe nach ihren Taschentüchern. Konfrontiert sie der schmerzliche Klang der Geige zu sehr mit ihrer eigenen, grenzenlosen Trauer?

Denn zu klagen haben sie mit der Zeit gelernt, die Geigen der Sinti, Roma, der Jenischen und Reisenden, ebenso, wie die der Juden, inspiriert von einer endlosen Chronik des Schmerzes: Vertreibung, Diaspora, Progrome und schließlich das gemeinsame Trauma des Holocausts …

Sinto-Ensemble Sandor-und-Friends, v. links:
Sandor Lehmann (Geige), Hansi Rottegger (Gitarre), Stan-Alin Gabriel (Akkordeon), Armin Krause (Bass)

An diesem heißen Juli-Tag im Olympia-Einkaufszentrum war es die Sinto-Geige von Sandor Lehmann, die, stellvertretend für alle Opfergruppen, ihre Klage anstimmte. Doch galt sie keiner Vergangenheit, sondern vielmehr einer Tragödie, die fest in unserer Gegenwart verankert ist, weil sie gerade erst fünf Jahre zurückliegt, ausgelöst durch einen rechtsradikalen Terroranschlag, der nicht nur bei den Überlebenden und Hinterbliebenen nachhaltig Spuren hinterlassen hat:

„Was für ein Schock damals, was für ein Schmerz bis heute …Wir glauben, in einer Gesellschaft zu leben, die unverletzlich scheint, in der wir alles können, alles wissen, doch von einer Sekunde auf die andere ist alles anders. (…)“

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in seiner Ansprache am 22.7.2021 im OEZ München

So prägte diese Trauerfeier eine ungewohnt starke Polizeipräsenz, mit Scharfschützen auf den Dächern. Zudem mussten alle Gepäckstücke im Vorfeld deponiert werden, denn mit dem 22.7.2016 hat der Terror auch in das Leben unserer Stadt Einzug gehalten. Bis heute erinnern sich die Münchnerinnen und Münchner in der Regel genau, wo sie sich gerade aufhielten, als Panik in der ganzen Stadt ausbrach.

Diesen Moment hat die Autorin und Theaterfrau Maya das Gupta als Ausgangspunkt für ein > Kunstprojekt zum OEZ-Anschlag genommen:

Maya Das Gupta hält ein T-Shirt hoch, das sich die Angehörigen zum Gedenken an ihre Lieben gewünscht haben. Die Rückseite trägt einen persönlichen Appell der Hinterbliebenen gegen Rechtsterrorismus
Maya Das Gupta hatte zuvor einen virtuellen „Gedenk-Walk“ veranstaltet

Mit einer App werden Personen hörbar gemacht, die selbst betroffen waren sowie diejenigen, die Zugang zu den Betroffenen hatten, wie Alexander Diepold von der gemeinnützigen GmbH Madhouse, der als Vertreter der Sinti- und Roma-Community spricht, oder Nimet Gökmenoglu von der Beratungsstelle „Before.“
> MEHR in „Den Schrecken hörbar machen“ (SZ-Moosach)

„Gegen Abend, glaube ich, zeigte sich recht deutlich, dass sich die Ereignisse aufs OEZ konzentrierten (und nicht, wie zwischenzeitlich schien, an verschiedenen Orten geschossen wurde). Auch weil die Betroffenen Migrationshintergrund hatten, sank nach meiner Erinnerung die Wahrscheinlichkeit eines islamistischen Anschlags.“

Ein Zeitzeuge in www.oez-anschlag.de von Maya das Gupta

Getroffen hat es dabei fast ausnahmslos Opfer, die unsere Kinder und Enkelkinder waren – oder hätten sein können – ebenso, wie der Täter es hätte sein können … Gezielt hat dieser junge Mensch Gleichaltrige als Zielscheibe seiner selbst erlittenen Frustrationen, seines Hasses und seines rassistisch pervertierten Weltbilds ausgewählt.

Obwohl er die Opfer nicht persönlich kannte, wählte er sie gezielt aus, weil sie aus seiner Sicht in seinem rechtsextremen Weltbild keinen Platz hatten. 

Stellungnahme des Zentralrats deutscher Sinti & Roma > Fünf Jahre nach dem Münchner OEZ-Anschlag

„Sinnlos aus dem Leben gerissen zu werden, ist mit das Schlimmste, was passiert.“

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder in seiner Ansprache am 22.7.2021 im OEZ München
Von links oben im Uhrzeigersinn: Gisela Kollmann, Großmutter des getöteten Giuliano, hielt eine erschütternde Rede, gestützt von Alexander Diepold; Momentaufnahme aus dem ARTE-Journal vom 22.7.2021
Gaben für Giuliano, Gisela im Gespräch mit Alexander Diepold,
Gisela Kollmann im Gespräch mit Romani Rose, Gisela Kollmann im Fokus der Medien

Die Sinnlosigkeit des Tötens und Sterbens am 22. Juli 2016 gipfelte in der Jugend der Opfer. Gisela Kollmann fragte während ihrer erschütternden Rede sinngemäß, warum denn ihr Enkel, der noch sein ganzes Leben vor sich gehabt hätte, statt ihrer sterben musste. Bis heute ist sie traumatisiert, eine Rückkehr zur Normalität unmöglich. Da bleibt nur zu hoffen, dass die große Anteilnahme der unübersehbar berührten VertreterInnen von Stadt, Klerus und Staat ein wenig Trost zu spenden vermochten.

V.li.oben im Uhrzeigersinn: Alexander Diepold im Gespräch mit Kardinal Marx,
Oberbürgermeister Dieter Reiter und Ministerpräsident Markus Söder verweilen an der Gedenkstätte
Landtagspräsidentin Ilse Aigner, Ministerpräsident Markus Söder, OB Dieter Reiter

Eine Erleichterung für alle Betroffenen dürfte in jedem Fall sein, dass mittlererweile die Untat als das klassifiziert wurde, was sie ist, nämlich eine rassistisch begründete Tat, ein Terroranschlag und eben KEIN, wie lange fälschlich propagiert, Amoklauf, mit Bedacht begangen am fünften Jahrestags des Massakers auf der norwegischen Ferieninsel Utoya.

Wie die Tat einzuordnen ist, reflektiert auch Maya Das Gupta in nachstehendem Interview zu ihrem Gedenkprojekt >

Besonders von dem Anschlag betroffen war die Münchner Gemeinde der Sinti und Roma, was lange von offizielle Stelle übersehen wurde und für entsprechenden Aufruhr in den betroffenen Kreisen gesorgt hatte:

„Selbstverglorifizierendes Geschmatze“ – Verbitterung in ziganen Kreisen nach der Gedenkfeier zum Jahrestag des OEZ-Anschlags

Diesbezüglich, wie auch bezüglich der Einordnung als „Terrorakt“ hat sich inzwischen viel im positiven Sinne getan. Allerdings hätten sich zum fünften Jahrestag , wie die BR-Rundschau berichtete, eine ganze Reihe Angehöriger die Gedenkstunde zum Zeitpunkt des Attentats gewünscht, also gegen 17 Uhr. Dem jedoch konnte OB Reiter nicht entsprechen, weil er dann bereits wieder eine Konferenz zu eröffnen hatte. Nicht ganz zu Unrecht fragte die BR-Rundschau, was denn an einem solchen Tag wichtiger sein könne ..?

Den ganz richtigen Ton traf bei der Gedenkveranstaltung am Abend im NS-Dokumentationszentrum der jüdische SPD-Stadrat Marian Offman.

Es ist Abend geworden am Mahnmal für die Opfer des OEZ-Anschlags, viele Kerzen brennen …

Im Nachgang zur Veranstaltung erreichte mich eine Mail von Uta Horstmann. Die Sozialpädagogin widmete ihr gesamtes Berufsleben der Betreuung Münchner Sinti & Roma, wofür sie 2016 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. An sie geht das Schlusswort:

„An solche Veranstaltungen gewöhnt man sich nicht, der Schmerz der Angehörigen hat mich den ganzen Tag begleitet.“

Uta Horstmann, Sozialpädagogin und Sinto-Aktivistin

Alle Fotos und Videos stammen von Alexander Diepold.



Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement/PR > gabydossantos.wordpress.com

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