Stolpersteine

 

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

Diese Erkenntnis aus dem Talmud inspirierte den Bildhauer Gunter Demnig zu seinen Stolpersteinen, individualisierten Gedenkblöcken aus Messing. 80.000 davon wurden seit 1996, in 1.600 Städten, in die Trottoirs von 26 Ländern eingelassen, darunter in 1265 Kommunen in Deutschland.

Auf den Steinen steht geschrieben: „HIER WOHNTE… Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch …“
> Stolpersteine.eu/start/

Einige Beispiele bislang verlegter Stolpersteine:

Benno Bengalo Winterstein
Sohn eines Sinto
Otto Kuhrts
Zeuge Jehovas
Dr. Anton Braun
Erkrankte an Schizophrenie
Otto Karl Weis
Homosexuell
Wilhelm Olschewski
politisch Verfolgter

Somit bilden die Stolpersteine das größte dezentrale Mahnmal der Welt und erinnern an Menschen, die in der NS-Zeit verfolgt, deportiert, vertrieben oder ermordet wurden oder die in ihrer ausweglosen Lage Selbstmord begingen. Dazu zählen, neben den Jüdinnen und Juden, die Angehörigen „ziganger“ Volksgruppen, Oppositionelle, Homosexuelle, Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung, Geistliche sowie Zeugen Jehovas, die den Kriegsdienst verweigerten.

Gunter Demnig, Schöpfer der Stolpersteine, während einer Verlegung

Die Stolpersteine werden in der Regel vor dem letzten freigewählten Wohnort der Opfer niveaugleich in den Gehweg eingelassen. Dies erfolgt im Rahmen einer kleinen berührenden Zeremonie, in der nochmals der Opfer gedacht wird. Die Verlegung der Stolpersteine nimmt nach wie vor, soweit möglich, deren Schöpfer Gunter Demnig persönlich vor: Eine fast brachial anmutende Handlung mit Pressluftbohrer und Mörtel, die mit schöner Regemäßigkeit lärmend den Alltagstrott auf der Straße unterbricht. Und das finde ich, angesichts des Anlasses, auch gut so, dieses Passanten aufrütteln und sensibilisieren für ein Verbrechen, das hinter einer jetzt konkreten Haustür, möglicherweise im eigenen Viertel, an einem nun in Bronze eingemeißelten Datum seinen Anfang nahm! Begangen an unschuldigen Bürgerinnen und Bürgern, die ab sofort, allgemein sichtbar, benannt werden. Damit erobern sich die Opfer von der anonymisierten Statistik des Grauens, die der Holocaust hinterlassen hat, ihre Identität zurück und verwandeln sich für die nachkommenden Generationen in greifbare Einzelschicksale.

Stolperstein für den Giuliano Nicolini in Stresa am Lago Maggiore; der italienische Offizier hatte den Deutschen die Kollaboration verweigert

Folgt man der Spur der Stolpersteine, folgt man einer Blutspur, die der Nationalsozialismus quer durch ganz Europa gezogen hat …

Ultimative Ehrung für die Stolpersteine von Felix Nussbaum und Charlotte Salomon in Yad Vashem
Terry Swatzberg, Aktivist und Voristzender der Initiative „Stolpersteine für München e.V.“ postet: „The Stolpersteine at Yad Vashem, the holiest place of commemoration in the world. Kol hakavod Gunter Demnig! Proudest day of my life, arranging and bringing the Stolpersteine to Yad Vashem’s Museum of Art from the Holocaust.“

Für 120 Euro Selbstkostenpreis kann jede/r eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung eines STOLPERSTEINS übernehmen – das Einverständnis der Hinterbliebenen vorausgesetzt, denn die Entscheidung, wie jemand um seine Lieben trauern und ihrer gedenken möchte, ist eine zutiefst emotionale und individuelle. Als Alternative besteht auch die Möglichkeit, vor Ort Stelen aufzustellen oder Gedenktafeln an Hauswände anzubringen. Jeder und jedem sollte es freistehen, diesbezüglich nach Belieben zu verfahren.
– Auch anhand von Stolpersteinen …

Bedauerlicherweise engagieren sich jedoch an manchen Orten GegnerInnen der Stolpersteine dafür, dass die Verlegung von Stolpersteinen auf öffentlichem Grund gänzlich untersagt bleibt. Dies ist leider in München der Fall, namentlich auf Betreiben von Charlotte Knobloch, der einflussreichen Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Bei einer Feier auf dem St.-Jakobs-Platz nennt sie die Stolperstein-Befürworter „Gedenk-Täter“. > SZ, 5.12.14

Details zur Münchner Stolperstein-Initiative unter  www.stolpersteine-muenchen.de  und Facebook

Dagegen wiederum formierte sich Widerstand, u.a. mit dem Verein „Stolpersteine Initative für München e.V.“, unter Vorsitz von Terry Swartzberg, Journalist und Ethical Campaigner. Es folgte ein erbitterter Disput pro und kontra Stolpersteine, teilweise in einer Tonart ausgetragen, die ich so noch nie erlebt hatte und die mich schockierte, siehe dazu auch meinen Blogbeitrag > Terry Swartzbergs Steine des Anstoßes.

V. l. : Terry putzt Stolpersteine, Terry moderiert eine Kampagne, Terry mit Drehbuch-Autor Peter Probst vor dessen bewegender Stolpersteine-Rede, Beitragsbild zu Terry Swartzbergs Steine des Anstoßes

Inzwischen wurden dennoch 117 Stolpersteine an 35 Standorten in München verlegt. Bis Jahresende sollen es sogar über 200 Stolpersteine an 42 Standorten werden! Das städtische Verbot umgeht man, in dem man die Gedenkblöcke in den noch privaten Bereich unmittelbar vor den Häusern einlässt. Gut sichtbar und dennoch juristisch unantastbar.

Dem umtriebigen Terry, ein gebürtiger US-amerikanischer Jude, ist es durch eine Reihe von Aktionen zudem gelungen, die Wahrnehmung der Stolpersteine in der breiten Münchner Öffentlichkeit zu verstärken:

Unvergessen das Münchner Happening am 5. Mai 2019, zu dem sich überall in der Stadt Menschen dort versammelten, wo Stolpersteine verlegt waren und die Stolpersteine Hymne von Terry intonierten, eingesungen von Katrin Schweiger  > https://youtu.be/dOO7adwutmQ

Die Stolpersteine in München: ein wachsender Atlas vom Leben und Leiden der Opfer des NS-Terrors, heißt es auf deren Website www.stolpersteine-muenchen.de.

Quelle: Homepage des Vereins „Stolpersteine Initiative für München e.V.

In der Tat ist es beeindruckend, auf obiger Karte die vielen Stolpersteine zu betrachten, die, allen politischen Widrigkeiten zum Trotz, bislang in München verlegt wurden: In der Gesamtheit bilden sie eine Topografie des Grauens ab. Zugleich jedoch symbolisiert für mich jedes einzelne Stolperstein-Symbol auf dieser Karte auch ein Stück Versöhnlichkeit, denn es steht für ein Opfer, dem jene Identität zurückerstattet wurde, die ihm mit dem Augenblick der Festnahme von den Nationalsozialisten geraubt worden war.

Die aktive Hinwendung zu den Stolpersteinen in meiner Stadt ermöglicht es mir, mich weniger hilflos gegenüber den Verbrechen des NS-Regimes zu fühlen. Obgleich diese in der Vergangenheit erfolgten, ist mir noch im Hier und Jetzt eine Möglichkeit gegeben, aktiv zu reagieren, durch die Teilnahme an Stolperstein-Verlegungen und Gedenkveranstaltungen ebenso, wie bei den periodischen Putz-Aktionen von Stolpersteinen, die quer durch München vom Verein organisiert werden.

Der Stolperstein für Dr. Anton Braun wird im April 2019 von meinem Enkel, unter Anleitung von Terry Swartzberg, Vorsitzender des Vereins „Stolpersteine für München“, auf Hochglanz gebracht.

Dr. ANTON BRAUN – EIN NS-OPFER UNTER MILLIONEN: Inzwischen habe ich mir „meinen“ persönlichen Stolperstein zur Pflege auserkoren, den für Dr. Anton Braun, der sich in meinem Viertel befindet. Doch die räumliche Nähe ist nicht der einzige Grund für meine Hinwendung zu gerade diesem Gedenkstein; vielmehr kommt eine Parallele in unser beider Biografien hinzu: Wegen einer psychosomatischen Erkrankung beziehe ich seit einigen Jahren Frührente. Im Dritten Reich jedoch hätte meine Lage, auf Grund meiner mangelhaften psychischen Gesundheit, anders ausgesehen – wie im Fall von Dr. Braun. Dieser erkrankte als 30jähriger an Schizophrenie und wurde Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde. Von seinem Schicksal sehr betroffen fühlte sich auch Angelica Fell.

Angelica Fell vor dem Stolperstein von Dr. Braun

Sie steht als geschäftsführender Vorstand der von ihr und Tochter Marie-Elise geründeten inklusiven Freien Bühne München vor. In der NS-Zeit wäre, dem Euthanasie-Programm entsprechend, ihr halbes Ensemble ermordet worden! Das Ziehen solcher zeitgeschichtlicher Parallelen angesichts von Stolpersteinen bestärkt enorm darin, solcherart Verbrechen künftig noch im Keim ersticken zu wollen, wobei das am Boden Knien, beim Säubern der Stolpersteine, ein Übriges bewirkt.

Am Stolperstein von Dr. Braun: Oben links: Gaby dos Santos beim Putzen, unten links Countdown zu den „Singenden Stolpersteinen“ mit (li) Ramona und Harry Sendlinger und (re) Edith Grube

GdS-Blogbeitrag zur Verlegung des Stolpersteins für Dr. Anton Braun:

Transportbus für die Menschen mit Behinderung nach Schloss Hartheim; Quelle

„Warnung für die Zukunft“ … Zu den T4-Morden und der Verlegung von 32 weiteren Stolpersteinen in München

Dazu Presse/Medien-Stimmen:


 Weitere Medienbeiträge und Meldungen zu den Stolpersteinen

Die Geschichte der Stolpersteine in München, Süddeutsche Zeitung


Der World Jewish Congressder jüdische Gemeinden in 100 Ländern, auf sechs Kontinenten vertritt, unterstützte  das von Terry Swartzberg initiierte Happening der SINGENDEN STOLPERSTEINE (5. Mai, 17 Uhr, München weit)  durch eine beeindruckende Plattform auf dem weltweiten WJC-Portal, unter dem Titel >

„OPINION: How to Remember the Holocaust in Munich“


Portrait zu > TERRY SWARTZBERG

Terry Swartzberg: Sprecher der Stolpersteine-Familie

Terry Swartzberg, der Vorstandsvorsitzende der Initiative Stolpersteine für München e.V., setzt sich nicht nur dafür ein, dass in München Stolpersteine verlegt werden können, sondern begleitet die Expansion der Stolpersteine allgemein durch PR und Social Media-Arbeit. Andere Schwerpunkte seiner Arbeit für die Stolpersteine sind u. a. die Zusammenarbeit mit jüdischen Gemeinden in Deutschland, Europa sowie in den USA; und mit Yad Vashem, Universitäten, Sozial- und Jugendgruppen sowie Ministerien in Israel.

Terry Swarzberg mit zwei Stolpersteinen in der zentralen Gedenkstätte Yad Vashem in Israel; > Bildquelle

Dafür setzt Terry seinen Ruf als Verfechter eines freudigen  lebendigen Judentums in Deutschland, sein Fachkenntnisse als Ethical Campaigner sowie als Journalist mit 25 Jahren Erfahrung als Korrespondent für die International Herald Tribune ein. > Mehr


 GdS-Blog-Beiträge zu den Stolpersteinen

Stolpersteine auch in München! – Zu den drei Verlegungen am 4. Juli 2016

Die Liebe zu ihrer Mutter kostete sie mit 16 Jahren das Leben! Die Geschichte hinter den Stolpersteinen von Rosa Mittereder und Tochter Erna Wilhelmine – Klartext von Drehbuch/Autor Peter Probst

„Warnung für die Zukunft“ … Zu den T4-Morden und der Verlegung von 32 weiteren Stolpersteinen in München

Terry Swartzbergs Steine des Anstoßes



Titelbild: Juni 2017, Verlegung von Stolpersteinen in der Münchner Ickstattstraße,
Foto: Swartzberg

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