Interkultureller/Interreligiöser Dialog

„Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen ließ sich eine nieder. Und alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.“

– Apg 2,1–4 EU

Was für ein starkes Bild in Bezug auf transnationale Völkerverständigung vermittelt hier die Apostelgeschichte des Lukas im Neuen Testament ! Angehörige zahlreicher nicht jüdischer Völkerwundern sich, dass sie jeder seine eigene Muttersprache hören, obwohl die Jünger doch Galiläer sind?

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Der Heilige Geist regnet in Form feuriger Zungen auf die Aposteln herab
SONNTAGSBLATT vom 23. Oktober 2019, CCO/Pixabay

Dieses in der Bibel beschriebene Phänomen der „Xenoglossie“ führt thematisch direkt zum Thema „interkultureller/interregligöser Dialog“, als unschlagbares Instrument auf dem Weg zu einer nachhaltigen Befriedung der Menschenheit – in den sozialen Brennpunkten ebenso, wie im Nahen Osten und weltweit. Manchmal scheint es mir kein Zufall sondern Fügung zu sein, das gerade im Nahen Osten, der Wiege der Menschheit und der drei monotheistischen Weltreligionen, seit jeher immer wieder mörderische Konflikte aufflammen und von dort in die Welt exportiert und reimportiert werden, befeuert durch die Pervertierung religiös/kultureller Normen und Gebote, die tatsächlich sehr weltlichen Interessen, wie Ausbeutung und Macht, unterliegen.

Kleinformatiger, aber dennoch leider sehr präsent, sind diese Art von Interessen beziehungsweise die damit verbundenen Verlustängste und die Furcht vor „Überfremdung“ auch hierzulande, besonders seit den verstärkten Flüchtlingsströmen ab 2015. Seither treten Antisemitismus und anti-muslimischer Rassismus, Antiziganismus und viele weitere „Antis“ verstärkt auf, Tendenzen, die gerade im Hinblick auf den im 20. Jahrhundert erlebten Faschismus, mehr als bedenklich stimmen. Von dem Signal, das der große Zuspruch für die Bolsonaros, Trumps, Le Pens und Höckes aussendet, ganz zu schweigen.

Wie oft schon wurden und werden dabei Gott und die unterschiedlichen Glaubensrichtungen bei politischen Auseinandersetzungen instrumentalisiert, wurden und werden konfessionelle Gebote pervertiert, auf den Altären von Macht und Mammon geschlachtet! Dabei verbleibt jede Partei in der Blase ihrer individuellen Wahrnehmung und wähnt sich dort im absoluten Recht.

Bildmotiv von Gaby dos Santos aus ihrem HISTORICAL „Mit Gott im Ersten Weltkrieg“

Was aber kann denn ich, als Einzelperson schon groß ausrichten? Im Grunde einiges, denn unbestritten ist: „Wir sind das Volk!“ – und ich bin ein Teil davon! Auch wenn der Slogan der friedlichen Revolution inzwischen tausendfach falsch interpretiert und sogar missbraucht wurde, lehren uns die Ereignisse von 1989, dass Veränderung aus dem Volk heraus möglich ist, und es also sehr wohl auf jede und jeden von uns ankommen kann. Das setzt allerdings ein Minimum an Einigkeit untereinander voraus; kein leichtes Unterfangen in einer inzwischen nachhaltig heterogenen Gesellschaft, wie der unseren. Dazu unerlässlich sind Offenheit und Toleranz dem Andersartigen gegenüber.

Exemplarisch, was deutschlandweit, unter dem Hashtag #wirlassenunsnichttrennen, jüdische und moslemische Initiativen diesbezüglich auf die Beine gestellt haben und jetzt, angesichts des neu aufgeflammten Nahost-Konflikts, vehement in einem Offenen Brief verteidigen:

#wirlassenunsnichttrennen – Appell/Offener Brief jüdischer und muslimischer Initiativen aus Anlass des erneut aufgeflammten Nahost-Konflikts

Jüdisch-muslimische Beziehungen sind alles andere als selbstverständlich. Wir haben viel investiert um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, um dadurch auch vor Fragen nicht zurückzuschrecken, die uns gegenseitig irritieren und befremden. Diese Fragen sind mit komplexen historischen Dynamiken verwoben, die Leid und Traumata beinhalten.

Wir haben gelernt, Differenzen auszuhalten, auch wenn dies nicht immer leichtfällt. Wir haben auch viele Gemeinsamkeiten entdeckt und Ziele formuliert, wie wir als Jüd:innen und Muslim:innen in Deutschland miteinander leben wollen und können, und was wir im Zusammenleben auch von der Mehrheitsgesellschaft erwarten. Deshalb lassen wir unsere jüdisch-muslimischen Freundschaften, Bündnisse und Allianzen weder für politische Zwecke instrumentalisieren noch auf den Nahost-Konflikt reduzieren.

Offener Brief jüdisch-muslimischer Initiativen unter #wirlassenunsnichttrennen

Ein zukunftsweisender Schritt in Bezug auf den interreligiösen Dialog, aber auch auf einen kulturellen Dialog mit den säkular geprägten MitbürgerInnen vollzieht sich gerade in Berlin, mit der Errichtung des „House of One – Drei Religionen, ein Haus“.

Die Errichtung des House of One wurde von der Basis her angestoßen. Eine evangelische Kirchengemeinde, von der die Initiative ausging, eine Jüdische Gemeinde, im Verbund mit einem Rabbinerseminar, und eine muslimische Dialoginitiative haben sich gemeinsam auf diesen Weg gemacht.“, erläutert deren Website

„Am Urort Berlins, dort, wo die Stadt geboren ist und ihre erste Kirche stand, dort soll Zukunftsmusik erklingen. Aus den Fundamenten der alten Kirchen wird nun ein sakrales Haus mehrerer Religionen wachsen. Die Menschen darin werden ihrem eigenen Glauben treu bleiben, aus seiner Kraft leben und miteinander und mit der säkularen Stadtgesellschaft in ein friedliebendes Gespräch treten. Es wird ein Haus sein, in dem Gerechtigkeit, Frieden und Versöhnung wohnen.“

Gregor Hohberg
PFARRER UND INITIATOR DES HOUSE OF ONE

Am 27. Mai 2021 wurde der Grundstein für dieses – in meinen Augen visionäre -Projekt gelegt. Dazu drücke ich fest die Daumen und hoffe, auch in Zukunft in dieser Rubrik viel Neues darüber berichten zu können.


Obgleich es bislang weder einer Religion, trotz ihrer hohen moralischen Ansprüche, noch einer Jurisprudenz gelungen ist, das Gute ultimativ in der Welt zu implementieren, besteht kein Grund zur Resignation. Ein wenig besser ist die Welt schließlich schon geworden, Aufklärung und Demokratie sei Dank, wenn auch nur punktuell, mit einem Schritt vor und anderthalb Schritten wieder zurück! Für einen nachhaltigen Vorwärtsgang bilden seit jeher spirituell, kulturell und politisch übergreifende Dialoge eine unverzichtbare Basis: Gerade die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Weltanschauungen, Meinungen und religiösen Kulturen sowie die Bereitschaft, sich auf sie einzulassen, gegebenenfalls von ihnen zu lernen und, wenn nötig, eigene Einstellungen zu revidieren, sind Grundvoraussetzungen für ein harmonisches Miteinander
– und ein solches war in der Geschichte keineswegs immer Utopie …

Im Historical „Echos aus Sepharad“ erzählen Jon Michael Winkler und ich von jenem Goldenen Zeitalter, als das friedliche Miteinander der Religionen unter den Kalifen der Maurischen Kleinstaaten in Spanien eine Heimat hatte: Sepharad. Sein Ende begann mit der Reconquista 1212, dem Sieg der vereinten katholischen Streitkräfte Kastiliens, Navarras, Aragons und Portugals.

Tod eines maurischen Reiters – Wandmalerei

Die Rivalität zwischen Muslimen und Christen in Spanien spitzte sich fortlaufend zu, nicht ohne Folgen auch für die jüdischen Bevölkerung, denn die Christen auf der Iberischen Halbinsel setzten ihre „Reconquista“ unbeirrt fort … und religiöse Eiferer, moslemische wie christliche, besetzen das Heilige Land, bekämpften einander – und das Judentum.

Vertreibung der Juden aus Kastillen – Mittelalterliche Darstellung; Quelle Ullstein

Im gleichen Jahr schließlich, in dem Kolumbus eine Neue Welt entdeckte, brachen in der Alten Welt die Sepharden in eine ungewisse Zukunft auf. Zuflucht fanden sie nordwärts in Amsterdam, Hamburg, London sowie im Mittelmeerraum bis Nordafrika, in Italien, Frankreich, dem ehemaligen Jugoslawien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland. Sultan Bayazid II. nahm Sepharden in seinem Osmanischen Reich auf. Dazu soll er geäußert haben: „Sie nennen Ferdinand einen weisen König, ihn, der seine Länder beraubt hat, um meine (durch die jüdische Einwanderung) zu bereichern“.
(Auszug aus dem Skript von „Echos aus Sepharad“). Historisch wie auch dramaturgisch schließt sich in den 1990er Jahren auf dem Alten Judenfriedhof in Sarajewo vorläufig der Kreis.

Geblieben ist die historische Vision einer fruchtbaren und friedlichen Koexistenz –
Diese erneut Wirklichkeit werden zu lassen, liegt in unserer Hand …



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