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KAHLSCHLAG AIDS – Präsentation des gleichnamigen Buchs von Christian Noak sowie Gedenkabend für den Schauspieler und Aids-Aktivisten Ernst Häussinger im SUB, dem schwul-lesbischen Kommunikations- und Kulturzentrum

​“Alles was lebt wird sterben, alles was stirbt hat einst gelebt.“

Diese einfachen, doch in ihrem Zusammenwirken so eindringlichen Zeilen stammen aus der Neuveröffentlichung KAHLSCHLAG AIDS – Macht und Ohmacht einer Bewährungsprobe. In ihr finden sich Texte zur Rolle von HIV und Aids in der Gesellschaft, zu an AIDS-erkrankten Menschen, ihren Angehörigen und Freunden. Dabei beleuchten die Texte – Gedichte sowie bildhafte Prosa – deren Auseinandersetzung mit Krankheit, Sterben und Tod. Die Texte stammen aus der wortgewaltigen Feder von Christian Noak, dem bereits 2000 verstorbenen Lebensgefährten Ernst Häussingers, verdichtet unter dem Eindruck der existentiellen Bedrohlichkeit von AIDS.

Das Buch KAHLSCHLAG AIDS –
Macht und Ohmacht einer Bewährungsprobe
ISBN 97837 5576 9447
hatte Ernst Häussinger kürzlich herausgebracht und am 29. November 2022 im schwul-lesbische Kommunikations- und Kulturzentrum SUB selbst vorstellen wollen.

Ein Abend MIT Ernst Häussinger hätte es also werden sollen, doch es wurde tragischerweise ein Abend FÜR Ernst Häussinger, nachdem der gelernte Schauspieler und AIDS-Aktivist erster Stunde überraschend im Oktober verstorben ist.

Aus der geplanten Lesung wurde also ein Abend des Erinnerns an einen ganz besonderen Menschen, Ernst Häussinger, dessen

Wirken und Leben (…) immer auch zur Retrospektive über die Geschichte der Krankheit Aids selbst wird.

Zitat aus dem Einladungstext des schwul-lesbischen Kommunikations- und Kulturzentrums SUB
Traueranzeige für Ernst Häussinger in der Süddeutschen Zeitung, Text: Ausschnitt aus einem Gedicht von Christian Noak

Mich, als Aussenstehende der LGBT-Community, führte der Abend, wiederum festgemacht an der Person Ernst Häussingers, deutlich wie nie vor Augen, welche wahrhaft existentiellen Kämpfe Teile unserer Gesellschaft durchlitten, während eine Mehrheit sich dem hedonistischen BlingBling der 1980er Jahre hingab. Kein Wunder – stellte AIDS doch in den Anfangsjahren für Viele eine gesundheitliche Heimsuchung dar, die nur Schwule betraf; sogar von einer „Geißel Gottes“ war die Rede!

Diesbezüglich zieht SUB in der Nachlese zur Gedenkveranstaltung ein versöhnliches Fazit:

Vieles hat sich zum Besseren verändert, seit Ernst Häussinger vor 30 Jahren das erste Mal als Aids-Aktivist tätig wurde. Früh hat sich der Schauspieler als HIV-positiv geoutet, sich in der Münchner Aids-Hilfe engagiert und unter anderem das Café Regenbogen mit aufgebaut.

Ernst Häussinger, Foto: Bernd Müller in „Männer“

Dafür hat Häussinger über München hinaus viel Anerkennung bekommen. Er kämpfte gegen Stigmata, glaubte an Solidarität und daran, dass „trotz des Schattens einer Erkrankung“ Betroffene ein erfülltes Leben führen könnten. Es war seine ‚Utopie des schwulen Lebens‘.

Zitat: > SUB e.V. – Schwul in München auf „Instagram“

Wie unverzichtbar seinerzeit solcherart Engagement war, kam bei der Gedenkveranstaltung schnell zur Sprache, mit viel Impetus rekapituliert von Thomas Niederbühl, ehemaliger Geschäftsführer der Münchner Aidshilfe und, ununterbrochen seit 1996, amtierender Stadtrat für die ROSA LISTE. Nie zuvor war mir bewusst geworden, wie dramatisch sich damals die Lage für die schwule Community tatsächlich darstellte. So schilderte er, dass sein Partner und er nicht damit gerechnet hätten, die nächsten drei Jahre zu überleben. Vielmehr sei man in der Szene allgemein davon ausgegangen, dass das Virus früher oder später jeden „erwischen“ würde, ein Umstand, der wiederum einem Todesurteil gleich kam. Wen es traf, der habe gut und gerne vom Einkauf eines neuen Wintermantels absehen können.

Thomas Niederbühl, (links) ehemaliger Geschäftsführer der Münchner Aidshilfe und im Stadtrat für die ROSA LISTE
im Gespräch mit Professor Johannes Bogner (Immunologe), LMUI München

Niederbühls Reminiszenzen führten zurück in das finsterste Kapitel der Aidsbekämpfung, als Vorschläge kursierten, die sich nur noch als menschenverachtend bezeichnen lassen. So war tatsächlich im Gespräch, Erkrankte via Tattoo zu markieren. Auch von einer strengen Segregation Aids-Infizierter war die Rede, namentlich in München und Bayern, insbesondere seitens CSU-Politikern. Die legten einen veritablen politischen Eiertanz hin, da sie zwar die Betroffenen damals zwangsgetestet und sogar interniert, sich selbst aber nicht in die „Nazi-Ecke“ gerückt sehen wollten. Überhaupt zeigten Teile der Politik eine beschämende Verlogenheit, indem sie einerseits Aidskranke anprangerten, dito teilweise auch deren Selbsthilfegruppen, allen voran die Aidshilfe. Andererseits ließen sie letzterer diskret Fördermittel zukommen, da sie auf deren Unterstützung im Kampf gegen Aids und zur Betreuung der Patienten dringend angewiesen waren.

… ​politisch draufhauen und hintenrum unterstützen!“ …

Stadtrat Thomas Niederbühl, ehemaliger Geschäftsführer der Münchner Aidshilfe, über den zeitweiligen Kurs der städtischen und staatlichen EntscheidungsträgerInnen im Umgang mit AIDS

Sich in dieser negativ aufgeheizten Stimmung offen als HIV-positiv zu outen, wie Ernst Häussinger, erfordert enorme Zivilcourage! Seine Infektion wurde seinerzeit, ohne sein Wissen, in Zusammenhang mit einer HNO-Behandlung diagnostiziert. Auf diese Art übergangen zu werden, erboste ihn zu recht, zumal die Diagnose sofort einen negativen Domino-Effekt auf sein Leben insgesamt auslöste, wie der Verlust eines Engagements und alsbald auch das Ende seiner Laufbahn als Schauspieler. Seine positives Naturell führte jedoch dazu, dass er sich daraufhin in der AIDS-Selbsthilfe engagierte. Bis zu seinem überraschenden Tod gehörte er zu den ganz wenigen frühen HIV-Positiven, die die Infektion überlebten, bis Mitte der 1990er Jahre medikamentöse Wege gefunden waren, das Virus in Schach zu halten.

Neben Thomas Niederbühl als Referent zu Gast war Professor Johannes Bogner von der Ludwig-Maximilians-Universität, der 1985 Ernst Häussinger zunächst als Patient kennenlernte und der ihm dann zum Freund wurde. Der Immunologe beleuchtete den medizinischen Aspekt einer Infektion mit HIV, exemplarisch festgemacht an der Krankengeschichte Ernst Häussingers.

Ebenso einfühlsam wie kompetent moderiert wurde der Abend von Gregor Otto Papadopoulos, Sozialpädagoge und seit Oktober 2022 Leiter der der Prävention im SUB. Ihn hatte ich bereits vor Jahren als einen klassisch ausgebildeten Sänger kennengelernt und freute mich, ihm nun in dieser gesellschaftlich engagierten neuen Funktion erneut zu begegnen.

Zwischen den einzelnen Themenblöcken eingestreut wurden Texte aus KAHLSCHLAG AIDS, mit Gänsehaut-Faktor rezitiert von Schauspieler Herbert Schäfer (obiges Foto).

In ihrem Rück- und Ausblick auf die Geschichte der Krankheit Aids stellten die Diskutanten immer wieder fest, dass Schwule bis heute – auch wenn vieles anders ist – ihre Sexualität nicht offen ausleben können. Sie stoßen damit im Gegenteil noch immer häufig auf Ablehnung, Diskriminierung und sogar Gewalt, wie der jüngste Überfall auf eine queere Bar in Colorado Springs oder der Angriff auf Malte C. beim CSD in Bremen zeigen. (…)

Resümee des Abends seitens SUB

Eine thematisch wunderbare Klammer schloss Professor Bogner ganz zum Schluss. Er habe sich immer gewünscht, Ernst Häussinger einmal als Schauspieler zu erleben. Tatsächlich gelang ihm das im Rahmen einer Kindervorstellung an der Ballettschule seiner Frau, mit einer kindgerechten Lesung Häussingers über das Wesen und die Verbindung von Farben. In Form einer O-Ton-Einblendung konnten an diesem Abend alle Anwesenden die humorvolle Stimme des Verstorbenen noch einmal hören, wie sie sich den Farben zuwandte …

Aus all diesen Farben aneinander gefügt, so folgerte der Professor, ergebe sich schließlich ein Regenbogen …


Zum Thema siehe auch den Beitrag im GdS-Blog >



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Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement/PR > gabydossantos.wordpress.com

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