Zu Bruno Balz: Recherche-Treffen mit Micaela Jary, Tochter des legendären Komponisten, am Puls deutscher Kulturgeschichte in der Monacensia

In der Monacensia, dem literarischen Gedächtnis der LH München – und somit selbst ein kulturhistorischer Ort – lernte ich endlich die Autorin und Zeitzeugin Micaela Jary Gabriel persönlich kennen, deren Vater wir zahllose Evergreens verdanken, wie Waldemar, Nachtigall, sing oder den ESC-Hit von 1962, Wir wollen niemals auseinander geh’n, der Heidi Brühl zum Star machte …

Vor allem wichtig für mich war, bei diesem sommerlichen Treffen im Garten der Monacensia mehr über Michael Jarys kongeniale Zusammenarbeit mit dem schwulen Textdichter Bruno Balz zu erfahren, die jahrzehntelang währte.

Gedenktafel am Wohnort von Bruno Balz in der Fasanenstraße

Insbesondere um deren Songs Davon geht die Welt nicht unter und Es wird einmal ein Wunder gescheh’n ranken sich hartnäckig Legenden, auf denen auch mein Historical Kann denn Liebe Sünde sein? beruht – leider!

Seit einiger einiger Zeit schon weisen Historiker auf diese teilweise Legendenbildung hin – sowie Micaela Jary Gabriel. Und diese, als Tochter des Komponisten und somit unmittelbare Zeitzeugin, muss es ja wissen! Insofern hätte die Kontaktaufnahme meinerseits noch vor Beginn der Produktion erfolgen müssen, aber immerhin bot sich mir nun verspätet die Gelegenheit, von ihr direkt zu erfahren, welche Teile meines Bruno Balz Historicals ins Reich der Fabeln würden exiliert werden müssen 😦

Keine schönen Aussichten in Zusammenhang mit einer Herzblut-Produktion, der ich inzwischen fast 20 Jahre meiner künstlerischen Vita gewidmet habe, aber unumgänglich. Siehe dazu auch nachstehenden Blog-Beitrag:

Die veruntreute Vita des schwulen Textdichters Bruno Balz – „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Mein Bühnenportrait zu den Schilderungen von Balz-Intimus Jürgen Draeger erweist sich als pseudo-biografisches Narrativ zwischen Halbwahrheiten, Lügen und Legenden

Beitrag von Gaby dos Santos, veröffentlicht am 25.6.2022, im GDS-Blog

Gleich zu Anfang unseres Treffens bestätigte mir Micaela Jary Gabriel, was mir bereits zuvor Balz‘ Großneffe sowie natürlich auch Nachlass-Verwalter und Haupterbe Jürgen Draeger berichtet hatten, dass nämlich Bruno Balz ein zutiefst liebenswürdiger, großzügiger und humorvoller Zeitgenosse gewesen sei. Micaela ist ihm in jungen Jahren oft begegnet.

WDR-Sendung „Stichtag“: 14. März 1988 – Todestag des Liedertexters Bruno Balz
Stand: 14.03.2018, 00:00 Uhr > LINK zur Sendung (ebenfalls mit Draegers Version zur Balz’schen Vita)

Allerdings erinnert Micaela Jary Gabriel die Entstehungsgeschichte des UFA-Hits Davon geht die Welt nicht unter wesentlich weniger spektakulär, als von Jürgen Draeger geschildert und quer durch die Medienlandschaft kolportiert: Nach dem großen Publikumserfolg des Songs Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, so Micaela Gabriel Jary, war Deutschlands oberster NS-Propagandist Joseph Goebbels schlichtweg auf der Suche nach einem weiteren Hit gleicher Schlagkraft für den Film „Die große Liebe“ mit Zarah Leander.

Also lud der Propaganda-Minister die besten Filmkomponisten, die Deutschland nach der Emigrationswelle verfolgter jüdischer Künstler noch aufzubieten hatte, zu einem Roundtable ein und trug ihnen sein Anliegen vor. Jary beklagte daraufhin sinngemäß, dass sich sein Textdichter aktuell in Haft befinde und ohne diesen sehe er sich außerstande, einen weiteren Durchhalteschlager von gleicher Qualität zu komponieren. Goebbles erwiderte wohl lapidar und ein wenig genervt, dann möge man den Inhaftierten eben wieder entlassen, worauf ihn Jary umgehend beim Wort nahm.

Allerdings seien die beiden Kunstschaffenden zur Produktion der Songs für „Die Große Liebe“ keineswegs in einer UFA-Baracke kaserniert worden, wie Draeger es stets geschildert hatte und Balz auch nicht „medikamentös wiederhergestellt worden“, widersprach Micaela Jary Gabriel und unterstrich einen zuvor schon auf in den Sozialen Netzwerken abgesetzten Post:

„Und nein, Bruno Balz wurde nicht in den Ufa-Studios in Babelsberg eingesperrt, um die Texte zu „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ und „Davon geht die Welt nicht unter“ zu schreiben.

Wozu auch? Er schrieb die Texte in seiner Wohnung an der Fasanenstraße 60 in Berlin-Wilmersdorf, nachdem ihn mein Vater Michael Jary aus der Gestapohaft befreien konnte. Das macht den Hintergrund nicht besser, aber nach meinen Informationen glaubhafter (und ich kannte jeden der Beteiligten ziemlich gut, auch Zarah Leander)“.
(…)
> Mehr

Micaela Jary Gabriel am 14.6.2022 auf Facebook

Eine Weile hatte Zarah Leander und Michael Jary eine leidenschaftliche Romanze verbunden, die sich auch in der einen oder anderen Songproduktion von Balz/Jary wiederfindet, eine Inspirationsquelle, über die ich hoffe, künftig noch mehr zu erfahren.

Bildcollage von Gaby dos Santos aus dem Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz

Auch Michael Jary selbst, den Balz liebevoll mit seinem Spitznamen Mäcki zu titulieren pflegte, fand Eingang ins Elysium unvergessener Songs, als Vorlage für jenen unwiderstehlichen Waldemar, der so gar nicht der Ästhetik – weder groß, noch blond – noch dem Heldenmythos – weder stolz noch kühn – der NS-Ideologie entsprach und dennoch Zarah Leander inbrünstig schmettern ließ: „… aber ich liebe iiihn!!!“

Bruno Balz’s Kumpel, Komponist Michael Jary inspirierte zur Figur des unwiderstehlichen Waldemar

Die Liaison zwischen Jary und Leander mündete schließlich in eine nachhaltige Freundschaft, wie sie sie ebenfalls mit Balz verband, und die sich in der Nachkriegszeit fortsetzte. Später ließ Leander ihren Erfahrungsschatz als gestandene Frau Micaelas noch unerfahrener Mutter zugute kommen, sorgte so mit dafür, dass diese ihren Führerschein machte und auch Frau Jary wurde …

Entsprechend widmete Tochter Micaela Jary der großen schwedischen Sängerin und Freundin der Familie 1993 ihr erstes literarisches Werk, eine Biografie in Romanform:

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n.
Die große Liebe der Zarah Leander
Jary, Micaela

Verlag: Edition q, 1993/2001
Antiquarisch zu beziehen u.a. über > ZVAB-Link

ISBN 10: 3861241528ISBN 13: 9783861241522

Leider standen Micaela und mir nur 1,5 Stunden für unser erstes Treffen zur Verfügung, wenig für ein so weites Feld an Themen und Protagonisten, die es durchzugehen galt. Vor allem zum Ende unserer Unterhaltung hin zeigte sich, wieviel weitere Recherche noch erforderlich sein wird, um endlich ein stimmiges Bild der Vita von Bruno Balz nachzuzeichnen, insbesondere, was seine Lebenssituation als schwuler Mann anbelangt. Durch den Paragrafen 175 drohte ihm noch bis !1969 wegen seiner sexuellen Orientierung Strafverfolgung, ein juristischer Umstand, der die LGBT-Community damals ins Verborgene zwang. So adoptierte Bruno Balz seinen langjährigen Partner Paul, um unbehelligt mit ihm leben zu können. Nach dessen Tod, 1986, setzte sich ein regelrechter „Run“ auf den zu erwartenden, beträchtlichen Nachlass von Balz in Gang, nun da es keinen anderen direkten Erben mehr gab. Diesbezüglich stellen sich mir nunmehr viele, teilweise unschöne Fragen darüber, ob und in welcher Form dieser liebenswürdige Mensch in seinen letzten zwei Jahren möglicherweise aus pekuniärem Kalkül heraus bedrängt worden ist – vom Ausverkauf seiner Vita an den Boulevard ganz zu schweigen!

Bruno Balz in späten Jahren am Klavier in Bad Wiessee, links sein Erbe Jürgen Draeger, auf dessen Reminiszenzen bislang das Historical „Kann denn Liebe Sünde sein? – Bruno Balz“ von Gaby dos Santos beruhte, s. o.g. Bildcollage aus der Show

Umso dankbarer bin ich Micaela Jary Gabriel, dass sie sich bereit fand, mich am – ausgerechnet – heißtesten Tag dieses sowieso extrem heißen Sommers in der Monacensia zu treffen und auf meine Fragen Antworten zu liefern, die ihr inzwischen wie Platten mit Sprung vorkommen müssen, so oft, wie sie diese schon wiederholen musste, im Rahmen unzähliger Kino- und TV-Projekte, die in Folge niemals realisiert wurden. Es ist sicher nicht leicht, gewissermaßen ab Geburt als Tochter einer Musiklegende in der Öffentlichkeit zu stehen. Andererseits trugen die großbürgerliche, kulturell stark geprägte Lebensart der Eltern sowie ihre Kindheit als geliebte Tochter dazu bei, dass sie sich eine lässige Weltläufigkeit aneignen und – last not least – das eigene Künstler-Gen ausleben konnte 😉

„Als mich mein Vater nach meiner Geburt im UKE in Hamburg zum ersten Mal sah, sagte er: ‚Die wird mal Schriftstellerin!‘
(…)
Ich wuchs als Tochter des Filmkomponisten Michael Jary in der Welt des Kinos – und damit der erfundenen Geschichten – auf und begann schon sehr früh, mir Romanhandlungen auszudenken.“ (…)

> Mehr

Micaela Jary Gabriel auf ihrer Homepage > www.micaela-jary.de unter > „Vita

Vom väterlichen Namen hat sie sich als Autorin allerdings längst frei geschrieben. Unter dem Pseudonym Gabriela Galvani veröffentlicht sie historische Romane und unter dem Pseudonym Michelle Marly Romanbiografien.

Die Schriftstellerin bei einer Lesung

Aktuell widmet die Schriftstellerin, unter dem Namen Micaela A. Gabriel, dem weiblichen Parlamentarismus eine historisch-literarische Reihe, zu der sie gerade zwei Bände herausgebracht hat. Diese erfreuen sich, nicht zuletzt auf Grund der Relevanz des Themas, großen Zuspruchs.

Der dritte Teil, Schritte in eine neue Welt, erscheint am 31.1.2023 und beschließt die Trilogie.

Die Frauen vom Reichstag, eine Trilogie von Micaela A. Gabriel

> BAND III (ab 31.1.2023)

Inzwischen hat mir Micaela Jary Gabriel Email-Kontakte für meine weitere Recherche zukommen lassen sowie eine Reihe weiterführender Links, die es jetzt, nach überstandener Corona-Infektion, abzuarbeiten gilt.


Darüber hinaus steht am Montag ein Treffen an, in Zusammenhang mit einer bevorstehenden Wechselausstellung im NS-Dokumentationszentrum München. Ergänzt wird diese durch ein umfangreiches Begleitprogramm, in dem auch Bruno Balz berücksichtigt werden wird:

Projekt-Foto TO BE SEEN. queer lives 1900–1950:
NS-Dokumentationszentrum

WECHSELAUSSTELLUNG mit
Rahmenprogramm

TO BE SEEN. queer lives 1900–1950
07|10|2022 – 21|05|2023
NS-Dokumentationszentrum München

gefördert durch die
Kulturstiftung des Bundes



Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement/PR > gabydossantos.wordpress.com

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