„Trobadora Beatriz“ von Irmtraud Morgner: Die Französin Martine Demay über das gesamtdeutsche Kultbuch der Frauenbewegung in den 1970er Jahren

Die Frauenbewegung hatte weltweit Fahrt aufgenommen, als 1974 in der DDR und 1976 in der BRD ein Montageroman von Irmtraud Morgner erschien, der bei den Leserinnen beider deutscher Staaten gleichermaßen Kultstatus erlangte: Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura.

Antiquarische Ausgabe der „Trobadora Beatriz“ von 1989

Dieser fantastischen und zugleich hochpolitischen Geschichte eines weiblichen Troubadors, gefangen in der DDR, begegnete damals die französische Studentin Martine Demay, die es der Liebe wegen nach Deutschland verschlagen hatte. Dort fand sie zwar eine ihren Konventionen ergebene Bevölkerungsmehrheit in gesellschaftlichem Stillstand vor, zeitgleich aber auch eine hochaktive Studentenbewegung – sowie ihr Schicksalsbuch, dem sie später auch ihre Magisterarbeit widmete, zum Frauenbild in der zeitgenössischen DDR-Literatur am Beispiel des Trobadora-Romans von Irmtraud Morgner.

„In diesem Buch wurde die „Emanzipationsdebatte ohne Schaum vor dem Mund“ geführt. (…)“

Martine Demay

In einem Beitrag für die Anthologie Bücher, die uns bewegten erinnert sie:

Als ich in den siebziger Jahren meinem Herzen folgend nach Deutschland kam, hatte ich nicht die geringste Ahnung, was da auf mich zukommen würde. Geprägt von der unproblematischen Lebensart im südwestfranzösischen Bordeaux, begab ich mich aus freien Stücken auf unbekanntes Terrain, was in meinem französischen Freundeskreis mehr oder weniger auf Stirnrunzeln stieß. Deutschlands Ruf war dreißig Jahre nach Kriegsende noch immer ramponiert und Touristen von dort schlugen hier und da weiterhin Ressentiments entgegen. Hinzu kam in der Fantasie meiner Umgebung das Klima einer Transitlandschaft Richtung Sibirien…

Martine Demay in den 1970er Jahren als junge Studentin

Auf der Schule hatte ich mich für die beiden Mainstream-Fremdsprachen meiner Gegend entschieden: Englisch und Spanisch. Außer dass ich mich in einem Ferienlager im französischen Baskenland Hals über Kopf in einen deutschen Mitbetreuer verknallt hatte, wusste ich denkbar wenig über das östliche Nachbarland und sprach zu allem Überfluss auch kein Wort Deutsch. Das studentische Milieu, in das ich über meinen Freund hineingeriet, war mir gegenüber sehr aufgeschlossenen und bot mir einen schnellen Zugang zu Sprache und Kultur. Zunächst verständigte ich mich mit Händen und Füßen, aber sehr schnell kam ich in der neuen Sprache zurecht und fasziniert von der Horizonterweiterung entschied ich mich alsbald für ein Fernstudium der Germanistik an meiner Heimatuniversität mit relativ langen Prüfungsphasen vor Ort, eine gute Gelegenheit, Kontakt zur Gironde zu halten!

In Frankreich war zur Zeit meines Umzugs die Einschränkung der Geschäftsfähigkeit einer Frau, also die faktische Vormundschaft ihres Mannes, erst seit wenigen Jahren aufgehoben worden, während sich diesbezüglich in der Bundesrepublik schon so einiges bewegt zu haben schien.

Andererseits wurden bei uns so gut wie alle kleinen Kinder in der „Maternelle“ betreut und besuchten später Ganztagsschulen, was eine Berufstätigkeit der Französinnen erleichterte, während es keineswegs für alle westdeutschen Kleinen einen Kindergartenplatz gab und die Schule meist gegen 13.30 Uhr endete, was die Frauen an den Haushalt fesselte und ihre Berufstätigkeit nicht gerade förderte. Der Unterschied zwischen den politisierten Studierenden, mit denen ich verkehrte, und der Konventionalität der bundesrepublikanischen Wohlstandsgesellschaft insgesamt war für mich frappierend.

Martine Demay-Jerzewski

1975 kursierte – zunächst als Geheimtipp literaturwissenschaftlicher Seminare – ein gerade erschienener umfangreicher Roman der DDR-Schriftstellerin Irmtraud Morgner mit dem barocken Titel „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura“.

Sehr schnell wurde das 1974 im Ostberliner Aufbau-Verlag herausgekommene und alsbald auch in der Bundesrepublik aufgelegte Werk zum Kultbuch der westdeutschen Frauenbewegung, das natürlich auch in „meiner“ Wohngemeinschaft eifrig gelesen und diskutiert wurde, von Studentinnen ebenso wie von Studenten.

Offensichtlich kam die poetische und pragmatische Erdung des Morgnerschen Emanzipationsepos gut an im Vergleich und Kontrast zu schrilleren Tönen der westdeutschen Aktivistinnen. Wir nahmen das Buch sogar in den Semesterferien nach Portugal mit, wo wir uns zwischen Alentejo und Algarve durch den Wälzer hindurchhangelten, für mich sprachlich alles andere als einfach.

Aber die Minnesängerin aus der Provence, die nach jahrhundertelangem Dornröschenschlaf 1968 aufwacht, in die Pariser Mai-Revolte hineinkatapultiert wird und dann auf Anraten eines DDR-Journalisten in sein „gelobtes Land“ reist, um sich dort endlich als Frau frei zu fühlen und deshalb Hals über Kopf Deutsch lernt, ließ mich so schnell nicht mehr los, gab es doch die eine oder andere biografische Parallele mit mir. War ich nicht auch aus meiner Provinz aufgebrochen in unbekannte Gefilde und hatte mir – Liebe hin, Frauenfrage her – die deutsche Sprache ziemlich kurzfristig angeeignet? Im Übrigen gehörte die Pariser Mai-Revolte ja ohnehin zur Mitgift meiner Generation! Und so kam es nicht von ungefähr, dass ich zum Abschluss meines Studiums in Bordeaux Irmtraud Morgners Trobadora-Roman zum Thema meiner Magisterarbeit machte.

Beatriz de Dia, eine, wenn nicht sogar die einzige provenzalische Minnesängerin aus dem 12. Jahrhundert, von der lediglich fünf Lieder überliefert sind, wird von ihrem Geliebten, dem Troubadour Raimbaut d’Aurenga, als Künstlerin missachtet, obgleich sie doch für ihn ihren Ehegatten Guilhem de Poitiers verlassen hat. Aber wie konnte es selbst eine Adlige im Hochmittelalter wagen, ihren Geliebten aufs Sinnlichste zu besingen! Beatriz möchte um alles auf der Welt diese frauenfeindliche Epoche verlassen, was ihr mittels einer magischen Schlaftherapie gelingt, aus der sie gut 800 Jahre später just in dem Moment erwacht, als ihr verwunschenes Märchenschloss einer Autobahn weichen soll. Im Rahmen etlicher mehr oder weniger angenehmer Männerbekanntschaften lernt sie schließlich jenen DDR-Redakteur kennen, der ihr sein Heimatland auch und gerade hinsichtlich der Gleichstellung der Frau ans Herz gelegt hatte. ‚Nichts wie hin‘, denkt sich Beatriz, verlässt im Mai 1968 Paris mit dem Zug und reist als ebenso couragierte wie naive Minnesängerin am Bahnhof Friedrichstraße ins ‚gelobte Land‘ ein.

Bahnhof Friedrichstraße damals

Als sie der Grenzpolizist am Pass-Schalter nach ihrem Reisegrund fragt, erwidert sie ‚Ansiedlung im Paradies‘ zwecks Arbeitssuche, woraufhin dieser ihr antwortet, die DDR sei kein Paradies, sondern ein sozialistischer Staat, in dem Arbeitskräftemangel herrsche und jeder Werktätige willkommen sei.

„Beatriz dankte dem Polizisten und lobte den Glanz seiner weißen, ebenmäßig gewachsenen Zähne, die den bräunlichen Teint schön zur Geltung brächten. Das Lächeln schwand, Räuspern. Verlegenes Hüsteln. Rückgabe des Passes durch den Spalt mit einem Wunsch für gute Besserung.“

Original-Zitat aus dem „Trobadora-Buch“

Welch köstlicher Einstieg! 😉

Irmtraud Morgner stellt der naiv-radikalen Trobadora, die nach jahrhundertelanger Wartezeit nicht erneut um den Lohn ihrer Hoffnungen gebracht werden will, als Alter Ego die pragmatisch-realistische Laura Salman zur Seite, Diplom-Germanistin und geschiedene Mutter mit Kleinkind, die ihren Lebensunterhalt nunmehr als S-Bahn-Fahrerin verdient, aber immer noch einen Draht zur Literatur hat.

Das Zusammentreffen der Welten dieser beiden Frauenfiguren löst Morgner – selbst Eisenbahner-Tochter, deren Eltern nie auch nur eine Zeile ihrer Tochter gelesen haben – stilistisch mittels einer Montagetechnik, die Fiktionales und Dokumentarisches nebeneinanderstellt und miteinander verknüpft. Beispielsweise fügt sie große Teile ihres bis dahin nicht zur Publikation zugelassenen Romans „Rumba auf einen Herbst“ aus dem Jahre 1964 schlicht und einfach als Intermezzos ein. Grundsätzlich verzichtet sie auf eine lineare Handlungsführung, montiert Zeitungsartikel, Interviews, politische und fachwissenschaftliche Einsprengsel, aber auch Fabeln, Kurzgeschichten, Lieder und Gedichte zusammen, baut Bibel-Verse ebenso ein wie Zitate von Rousseau, Lenin oder ihrem Schriftstellerkollegen Volker Braun. Heraus kommt dabei in Form und Inhalt ein buntes Potpourri.

Morgner sieht ihre Schreibweise geprägt vom ‚Lebensrhythmus einer gewöhnlichen Frau, die ständig von haushaltsbedingten Abhaltungen zerstreut wird.‘

Hinsichtlich des ‚gelobten Landes‘, in das sie da geraten ist, stellt Beatriz schließlich fest, dass die gesetzliche und ökonomische Gleichstellung der Frau realiter keine grundlegende Veränderung weiblicher Lebensbedingungen gebracht hat und so verlässt sie diese Welt ebenso absurd und abrupt, wie sie in sie hineingeraten ist:

Sie stürzt beim Fensterputzen in Lauras Wohnung ab.

Dass eine DDR-Schriftstellerin, die ja damals – zumal ohne Handy und Computer – weit ab vom Schuss war, derart detailliert und authentisch von den sozialen Unruhen und Umbrüchen in Frankreich zu berichten wusste, dass sie den ‚Dornröschen‘-Stoff, den die Gebrüder Grimm wohl Charles Perraults bereits 1697 erschienener Vorlage ‚La belle au bois dormant‘ entnommen hatten, so kongenial verwendete, beeindruckte mich ebenso wie ihre narrative Stellungnahme zur Emanzipationsdebatte ohne Schaum vor dem Mund.

15.11.1973 Berlin: VII. Schriftstellerkongress In einer Beratungspause:
Irmtraud Morgner im Gespräch mit Kollegin Christa Wolf (r.),
die dem Präsidium des Schriftstellerkongresses angehört; ADN-ZB Katscherowski

Mit meiner Magisterarbeit war ich nunmehr also auch literaturwissenschaftlich reflektierend in Deutschland angekommen. Nicht nur für Alice Schwarzer, Protagonistin der westdeutschen Frauenbewegung, war die ‚Trobadora Beatriz‘ einer der wichtigsten und interessantesten Romane der siebziger Jahre: Morgners Stil bis hin zur ‚Gauklerlegende‘ gefällt mir bis heute! Und was mein Motiv, vor nunmehr fast 50 Jahren nach Deutschland zu kommen, angeht, so hat die damalige Romanze bis heute gehalten, länger als jede Liaison der legendären Minnesängerin.

(Martine Demay-Jerzewski)


Denn ist es nicht das, was die Literatur für uns bewirkt?
Sie schenkt uns ein doppeltes und vielleicht sogar ein dreifaches Leben.“

Willi Bredemeier, Herausgeber von Bücher, die uns bewegten, der Anthologie, aus der auch der Beitrag von Martine Demay-Jerzewski stammt; Zitat Seite 98


Mehr zum Buch, aus dem der Beitrag von Martine Demay-Jerzewski stammt:

Bücher, die uns bewegten

Bücher, die uns bewegten

Willi Bredemeier

2021 –

142 Seiten – Softcover

ISBN 978-3-945610-65-7

14,90 €

BESTELL-LINK

Simon Verlag für Bibliothekswissen


Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement/PR > gabydossantos.wordpress.com

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