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Walter Benjamin: „ …diese Stunde, die wie ein Pfeil im Herzen des Tages zittert“ – Roland Jerzewski, Autor und Politologe, schreibt über das Buch seines Lebens (Gastbeitrag)

Nächtelang verschlang ich als Elfjähriger Karl Mays „Winnetou“, notgedrungen auch mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, unermüdlich, atemlos, dem nächsten Abenteuer entgegenfiebernd“, erinnert Roland Jerzewski (übrigens genau wie ich 😉 ) und fährt fort: Den folgenden Schultag brachte ich in Trance hinter mich, um abends mit meiner lässlichen Sünde fortzufahren. Das dauerte, schließlich gab es drei Winnetou-Bände! Aber der Schlafentzug konnte mir nichts anhaben, denn ich erlebte ja so unendlich viel mehr, als jeder normale Tag mir zu bieten hatte. Nach der letzten Seite konnte ich nicht mehr abschalten, da mir Winnetou und Old Shatterhand schier unersetzlich geworden waren. Wie mochte die Welt jetzt bloß weitergehen? Wochenlang trug ich mich mit dem Gedanken, den hannoverschen Oberbürgermeister Holweg anzuschreiben, damit er den Stadtwald Eilenriede zum Winnetou-Reservat erklärte. In meinem frühjugendlichen Eifer fühlte ich mich über Karl Mays Narrativ dem Guten, Wahren, Schönen verpflichtet und wollte dieses Humanitätsideal unbedingt weitergeben. Meine Winnetou-Erregung ebbte nur langsam ab, nicht aber die damit verbundene Formung meiner Leseerwartung.

Als wir Primaner im Englischunterricht ein Referat zu unserem Lieblingsbuch halten sollten, kaperte ich J.D. Salingers allseits begehrten „Fänger im Roggen“, mein erstes freiwillig auf Englisch gelesenes Werk. Wer von uns spiegelte sich damals nicht gern im Protagonisten Holden Caulfield und seinem Weltschmerz, eine ebenso subjektive wie kollektive Leseerfahrung, deren Anziehungskraft noch immer nicht ganz versiegt ist!
Gleich nach dem Abitur las ich dann an der französischen Atlantikküste Albert Camus‘ „Der Fremde“, natürlich in der Originalsprache, weder Sonnenbrand noch Gezeitenwechsel beachtend. Beim Erfrischungshechtsprung erwischte den passionierten Schwimmer die sogenannte siebte Welle und wollte ihn nicht mehr loslassen. Als ich eigentlich schon aufgegeben hatte, bekam ich doch noch Boden unter die Füße, erklomm die entstandene Stranddelle und ließ mich erschöpft in den Sand fallen. Aber kaum wieder zu Atem gekommen, wollte ich meine Schwimmlust gerade jetzt nicht preisgeben und sprang erneut in die schäumenden Wogen. Aufgrund der in meiner Erinnerung mit ihr verbundenen existenziellen Herausforderung haftet meiner Strandlektüre bis heute eine fremde Nähe an.
Im nächsten Sommer ging’s aus der verregneten norddeutschen Tiefebene per Anhalter zu Freunden nach Florenz, im Rucksack eine Auswahl der Schriften von Walter Benjamin. Am Wochenende verließen wir die enge Via Santa Monaca und fuhren die Serpentinen nach Fiesole hinauf, wo uns in einem Olivenhain hoch über der Stadt ein opulentes Picknick erwartete. Nach dieser kulinarischen Ertüchtigung griff ich, während die anderen herumdösten, zum mitgebrachten Studienbuch – eigentlich ist Benjamins Kunstwerk-Aufsatz ja keine Verdauungslektüre – und stieß darin auf eine Stelle, die bis heute nachschwingt, fasste sie doch den Blick hinunter auf das flirrende Florenz in ein bleibendes Bild.
„Was ist eigentlich Aura? Ein sonderbares Gespinst aus Raum und Zeit: einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einem Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft – das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen.“
Unten in den Uffizien hatte ich mich an den Originalen der Renaissance-Malerei nicht sattsehen können, von hier oben betrachtete ich nun gleichermaßen fasziniert die mit Zypressen natürlich durchwirkte toskanische Landschaft. Gedankenverloren blätterte ich weiter in dem Band und entdeckte „Frische Feigen“, die wir ja gerade reichlich zum Nachtisch verkostet hatten.
„Und dann kam die Passhöhe des Geschmacks, auf der, wenn Überdruss und Ekel, die letzten Kehren, bezwungen sind, der Ausblick in eine ungeahnte Gaumenlandschaft sich öffnet: eine fade, schwellenlose, grünliche Flut der Gier, die von nichts mehr weiß als vom strähnigen, faserigen Wogen des offenen Fruchtfleisches, die restlose Verwandlung von Genuss in Gewohnheit, von Gewohnheit in Laster.“
Welch atemberaubende kulinarische Serpentinenfahrt! So viel Gleichzeitigkeit zwischen Literatur und Erleben im Hier und Jetzt! Was ich schon als Jugendlicher beim Lesen zu finden gehofft hatte, in diesen und etlichen weiteren Benjamin-Notaten war es verborgen.
Seitdem liege ich immer wieder auf der Lauer nach einem Lektüre-Moment, der „wie ein Pfeil im Herzen des Tages zittert“, wie Walter Benjamin die innere Anspannung vor der weihnachtlichen Bescherung in Worte fasst. Ein solches Lektüre-Fest war mir wochenlang mit Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ beschieden; hier überschwemmte die kunstvolle sprachliche Form den Inhalt, ließ ihn treiben, riss ihn fort. Diese mal schwebende, mal trunkene Lektüre grenzte für mich an Sprachmagie.
Während ich mich als Literaturwissenschaftler intensiv mit Benjamins Literaturkritiken, seinen kunsttheoretischen und geschichtsphilosophischen Schriften auseinandergesetzt hatte, war es dann doch eher seine narrative Ader, seine Kurzprosa, die mich stets aufs Neue beschäftigte. Fündig wurde ich in seinen „Denkbildern“ und Reisetagebüchern, in der „Berliner Chronik“ seiner „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“. Benjamins Duktus, seiner Bildhaftigkeit kann man sich kaum mehr entziehen, wenn man sich einmal darauf eingelassen hat. Mittlerweile lese ich anders, dringe gründlicher und tiefer in die Verwobenheit von Sprache und Stoff ein, nicht zuletzt dank Benjamins Textminiatur „Der Lesekasten“, einer geradezu liturgischen Lese-Schulung, die eine ebenso unantastbare wie im stetigen schöpferischen Wandel befindliche Metaphorik offenbart.
Gleißender morgendlicher Sonnenschein über der weißen Stadt am Meer. Es ist Frühherbst. Der Blick geht hinunter in die engen Gassen. Auf dem Bürgersteig wechseln zwei Passanten unvermittelt vom Schatten ins grelle Sonnenlicht. Der Betrachter fühlt sich unversehens zurückversetzt in seine Jugend, als sich mit einem solchen Morgenblick eine ganze Welt auftat, das Versprechen eines verheißungsvollen Tages, vielleicht eines ganzen Lebensabschnitts. Und noch einmal verspürt er in sich die Erwartung des Fremden, Anderen, mit neuer Alltäglichkeit Aufgeladenen. Sein Blick schweift über die Dächer bis hin zum Ozean, der seine gewaltigen Wogen an den Großen Strand wirft, blau, grau, weiß, dem Hinüberschauenden endlose Erfrischung verheißend. Hatte nicht hier vor Jahrzehnten seine Wiedergeburt als Schwimmer begonnen…
Aber ich ziehe mich zunächst noch einmal in mein Zimmer zurück und betrachte meinen Lektürekompass. Der zeigt heute auf Edmund de Waal „Der Hase mit den Bernsteinaugen“. Und wieder einmal lese ich nahezu unermüdlich Tag und Nacht, durchquere dabei Europa von Ost nach West und gelange sogar bis nach Japan. Aufgewühlt und beglückt in meine Lektüre versunken, versäume ich mein erquickendes Erinnerungsbad im Atlantik.

Dr. Roland Jerzewski, Gastbeitrag im GdS-Blog, im Juni 2022 aus:

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In der sechsten Folge unserer Hommage an das Buch liegt Roland Jerzewski auf der Lauer nach einem Lektüre-Moment, der „wie ein Pfeil im Herzen des Tages zittert“. Er wird immer wieder nicht nur bei Walter Benjamin fündig.

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Titelbild:
Ausgangsmotiv „Walter Benjamin “ -> Gesammelte Schriften/Audible V erlag
Foto „Roland Jerzewski“ sowie Collage: Gaby dos Santos


Veröffentlicht von Gaby dos Santos

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2 Kommentare zu „Walter Benjamin: „ …diese Stunde, die wie ein Pfeil im Herzen des Tages zittert“ – Roland Jerzewski, Autor und Politologe, schreibt über das Buch seines Lebens (Gastbeitrag)

  1. Wunderbar!
    Wobei es in meiner Erfahrung eher einzelne Momente der Erlebens sind, die sich durch die darauf folgende Entrücktheit ins Eigene natürlich auch bis zu einer Stunde ausdehnen können.
    Sehr anregender Beitrag!

    Gefällt 1 Person

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