1973 – Schockverliebt auf einem Kriegsschiff in Venedig: Eine persönliche Reminiszenz führt zu Betrachtungen zum Wesen der Liebe

Es gibt wohl kaum eine passendere Kulisse für den Beginn einer Romanze, als Venedig, insbesondere für das romantisierte Herz eines Teenagers auf Klassenfahrt.

Hoch oben auf dem Glockenturm von St. Markus stießen wir auf IHN – Mike Leavitt, Besatzungsmitglied eines US-Kriegsschiffes, der USS Shreveport (LPD 12), die gerade in der Lagunenstadt vor Anker lag. Groß und gut gebaut war Mike, trug den gefühlt gelacktesten Popo-Scheitel jener Epoche und Lässigkeit ohne Ende zur Schau. Um uns Mädels war es geschehen und Mike wohl geehrt, jedenfalls lud er für den nächsten Tag die gesamte Klasse ein, ihn auf der Shreveport zu besuchen.

Auf dem Titelbild zeigt mich das Foto (danke Rudi) links mit Kippe und KlassenkameradInnen kurz nach jener ersten spektakulären Begegnung mit Mike, auf die am Tag darauf die nächste, noch umwerfendere folgen sollte, diesmal nicht vor historischer sondern martialischer Kulisse, nämlich auf besagtem Kriegsschiff der US-Marine.

Die USS Shreveport und ich hatten 1973 eine kurze, romantische Begegnung …. 😉

Im Nachhinein wundert mich, dass wir so ohne weiteres ein Kriegsschiff betreten durften, wobei uns Mädchen die Besatzung in den blütenweißen Uniformen sowieso viel mehr als die Ausstattung interessierte. Irgendwie fragten wir uns durch – und plötzlich stand das Objekt der Begierde, der Matrose meiner – und anderer – Teenager Träume uns erneut gegenüber, besser gesagt, mir gegenüber, denn – unfassbarerweise – lächelte er unter all der heftig hübschen weiblichen Konkurrenz doch tatsächlich mich an, während Carly Simon via Radio You’re so vain monierte.

Singer/Songwriter Carly Simon in den 1970er Jahren

Was dann folgte, beschreibt Carole King, eine damals ebenfalls angesagte Kollegin Simons mit

I feel the earth move under my feet,
I feel the sky tumbeling down …

Carole King, Singer/Songwriter

Entsprechend ist mir wenig Detail-Erinnerung an dieses Treffen geblieben, außer dass Mike, da er sich meiner Englisch Kenntnisse nicht sicher sein konnte, erst auf sich tippte und dann auf mich und sagte: „I write you and you write me“. Das klang in etwa so verheißungsvoll wie „Ich Tarzan, Du Jane“, erst recht, als er dann noch auf eine leere UND original amerikanische Camel-Papierverpackung seine Adresse, also die der USS Shreveport kritzelte.

Amerikanischer ging nicht – und amerikanisch galt damals noch als sehr angesagt unter uns jungen Leuten, denn es assoziierte sich so wunderbar mit Weltläufigkeit …

Die nächsten Monate verbrachte ich – natürlich ausschließlich Camel rauchend – damit, tagtäglich dem Postboten aufzulauern, nachdem ich für Mike das Foto rechts auf dem Titelbild hatte anfertigen lassen. Leider genügte es ihm nicht; er bat doch tatsächlich um „a sexy picture of you“, was mich ziemlich empörte! Langsam holte mich die Wirklichkeit ein, zumal sich Mikes Briefe keineswegs à la Cyrano de Bergerac lasen. Als Mike aus seiner Kajüte heraus auch noch Pläne entwickelte, nach Italien kommen zu wollen, wo ich damals lebte und etwas von wegen „to get married“ andeutete, hatte mein Teenager-Gemüt endgültig genug von der venezianischen Romanze, bekam leichte Panik, frei nach

Hilf mir Herr und Meister,
die ich rief, die Geister,
werd‘ ich nun nicht los

Goethe: Der Zauberlehrling“

und stellte den Briefwechsel ein.

Eines der ewigen Mysterien der Liebe ist und bleibt für mich, dass sie sich mit nachlassendem Interesse oft gar nicht mehr nachvollziehen lässt, obwohl man ihretwegen doch zuvor in mystischen Sphären schwebte, die man für unendlich hielt. Was sonst im Zwischenmenschlichen beginnt im derart Hehren, um später möglicherweise in müdeste Banalität zu münden?

Abgesehen von dieser Zwischenbetrachtung bin ich meinem Klassenkameraden Rudi sehr dankbar, dass er mir dieses Foto und damit mich auf Zeitreise geschickt hat, denn die nie gelebte Lovestory von Mike Leavitt und mir eignet sich hervorragend für einen nostalgischen Rückblick meiner frühen 70er Jahre, mit dem passenden Soundtrack der Powerladies Simon und King …

Wobei Venedig bereits zwei Jahre zuvor als Anziehungspunkt für einen spektakulären Moment in meinem Leben gewirkt hatte: Als mich mit 13 Jahren die Pubertät heftigst überfiel, wusste ich mir nicht mehr anders zu helfen, als von daheim wegzulaufen. Als Ziel erkor ich damals – wenn schon, denn schon – Venedig und machte zum ersten Mal in meinem Leben Schlagzeilen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte und hat mit dem Wesen der Liebe nichts zu tun 😉


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V.li. Judoka 1966, Gymnasiastin in Italien 1973, Interrailerin Lugano 1976, Drama-Queen on stage, 2005 (W.Bauer)


Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement/PR > gabydossantos.wordpress.com

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