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Sergej Djagilew und die Magie seiner „Ballets Russes“ präsentiert im Jahreskalender 2021 von MIR – dem Zentrum russischer Kultur in München

Man muss nicht zwingend über eigenes Geld verfügen, solange man nur genug für eine Vision entbrennt …

Dieses Credo bestätigt auf eindrucksvolle Art der Werdegang von Sergej Djagilew, der Schöpfer der bis heute sagenumwobenen Ballets Russes. Das galt für seine Anfänge als visionärer Impresario ebenso, wie für sein weiteres Leben, womit er sich in die lange Reihe jener Kunst- und Kulturschaffenden einreiht, die ebenso berühmt wie chronisch pleite waren – und noch heute sind …

Wegen seinen spektakulären Vorstellungen, die nicht immer in finanzielle Erfolge mündeten und seiner Sammelleidenschaft, in späteren Jahren u. a. für russische Bücher, Puschkin-Briefe und Autogramme, waren Djagilews finanzielle Verhältnisse stets prekär. Auch die großzügige Unterstützung von Gabrielle Coco Chanel für einzelne Projekte half wenig. (…)

„Ich bin erstens: ein Scharlatan, aber voller Feuer
– zweitens: ein großer Charmeur – drittens: ein frecher Kerl
– viertens: ein Mensch mit viel Logik und wenig Skrupeln
– fünftens: einer, der krankt, so scheint es, an einem totalen Mangel an Talent.

Außerdem glaube ich, meine wahre Bestimmung gefunden zu haben:
das Mäzenat.
Dafür bringe ich alles mit, ausgenommen Geld – aber das wird kommen!“

Sergej Djagilew in einem Brief an seine Stiefmutter; Quelle: MIR-KALENDER 2022

Tatsächlich prägten Djagilews Vita zunächst eine Reihe Fehlschläge als Komponist sowie in der Malerei und im Ballett, bis er auf seine wahre Berufung stieß, der eines Kunstvermittlers. Auf geniale Art verstand er es, KünstlerInnen und Künste unterschiedlichster Couleur zusammenzubringen und in ganzheitlichen Kunstprojekten auf faszinierende Weise zu verweben.

Ausschnitt aus dem KALENDER 2022 „Die Magie der Ballets Russes“, von > MIR, dem russischen Kulturzentrum in München

Seine größte bleibende Leistung erbrachte Djagilew im Bereich des Balletts und das, obgleich (oder vielleicht gerade weil) ihm 1901 sein Intedanz-Posten als «Mann für besondere Aufgaben» am Mariinski-Theater nach nur zwei Jahren gekündigt wurde, weil er angeblich die akademische Tradition des Theaters unterminierte, wie im MIR-Kalender erläutert. Solcherart kreative Reibung mit dem Kunst-und Kultur-Establishment ereignet sich häufig bei innovativen Kunstschaffenden; ich betrachte sie daher als eine Art visionäres Gütesiegel, das sich in Form mehrerer Theaterskandale auch in Djagilews künstlerischer Vita wiederfindet – ebenso wie in der Chronik des von ihm 1909 ins Leben gerufenen Ensembles der Ballets Russes:

Nijinsky als Faun, 1912;
QUELLE

Für den ersten Skandal sorgte der legendäre Tänzer Vaslav Nijinsky mit seiner Choreografie zu L’Après-midi d’un faune nach der Musik von Claude Debussy. Das Stück handelt davon, wie ein junger Faun mehreren Nymphen vergeblich nachstellt. Mit der Direktheit seiner tänzerischen Darstellung setzte Nijinsky mit diesem Ballett 1912 neue Maßstäbe. Daher gilt es als eines der ersten avantgardistischen Ballette und als Referenzwerk des künstlerischen Primitivismus, aufgrund seiner Inspiration durch antike Vasenmalereien, die auf einer Idee des russisch-französischen Malers, Bühnen- und Kostümbildners Léon Bakst beruht. Doch was heute vergleichsweise harmlos nach Schäferidylle aussieht, spaltete 1912 das Publikum in «Faunisten» und «Antifaunisten». Auslöser für den Skandal war eine Geste Nijinskys, der am Schluss des Balletts den vergessenen Schal einer Nymphe mit seinem Körper liebkost. (> MEHR)

Der Bildhauer Auguste Rodin besuchte die Premiere, verewigte Nijinski in einer Skulptur und ergriff in «Le Matin» glühend Partei für den Tänzer. Er schrieb: «Nichts kann ergreifender sein als eine Bewegung am Ende des Stückes, wenn er sich zur Erde wirft und leidenschaftlich den zurückgelassenen Schleier umarmt. Ich wünschte, dass jeder Künstler, der seine Kunst wirklich liebt, diese vollkommene Inkarnation der Schönheitsideale der alten Griechen sehen könnte.»

Andere hingegen sprachen von

… «erotischer Bestialität»

und

«plumper Schamlosigkeit»

Ballettsskandal 1912 – L’Après-midi d’un faune

Jedoch hat ein handfester Kunstskandal noch nie nachhaltig geschadet, vielmehr ist oft das Gegenteil der Fall – auch hier: Die Ballets Russes erwuchsen zu ihrer Zeit zu einem einflussreichen kulturellen Phänomen, das Mode machte. Der Starkult um den großen Tänzer Nijinsky, die oft exotisch-erotischen Balletthandlungen und die sinnlich-fantastischen Kostüme beschäftigten die öffentliche Phantasie sehr. Jeder Theaterabend war ein ausverkauftes Ereignis, die Damen kleideten sich „à l’orientale“, mit Turban, Federn und dunkel geschminktem Teint, man ging aus, um den „Gott des Tanzes“, Vaslav Nijinsky, zu bewundern. (> MEHR)

Nach der Oktoberrevolution waren Djagilew und das Ensemble im Ausland geblieben, wo es dem gewieften Impresario fortwährend gelang, für seine Produktionen einige der namhaftesten KünstlerInnen seiner Zeit zu gewinnen, insbesondere, ab 1914, im Bereich der Bildenden Kunst: Es entstanden Ballette mit starker Betonung des Bühnenbilds

Arbeiten wie beispielsweise Parade aus dem Jahr 1917 sind hiervon deutlich geprägt, wie im MIR-Kalender geschildert wird:

Das Jahr 1917 brachte auch Pablo Picasso zu den «Ballets Russes». Seine erste Arbeit machte den ein Jahrzehnt früher entstandenen Kubismus in Paris auf der Bühne gesellschaftsfähig. Französische und spanische Künstler nahmen jetzt den Platz der russischen ein (…)

Der Komponist von «Parade», der ehemalige Postbeamte Eric Satie, nahm die Bedeutung des Titels wörtlich und schuf eine Musik, welche die Zirkus-Atmosphäre einfing.

Mit dem Libretto von Jean Cocteau wurden, wie Helmut Schmidt-Garre sagt, die zwanziger Jahre eingeleitet: «Amerikanismus, Managertum, Jazz, Music-Hall. ‚Parade‘ wurde das erste Ballett, das von der modernen Unterhaltungsindustrie beeinflusst war und Notiz nahm vom Film.»
(…)

Ausschnitt aus dem KALENDER 2022 „Die Magie der Ballets Russes“, von > MIR, dem russischen Kulturzentrum in München


Auf der Bühne waren unter anderem ein kubistisches Pferd, das sich graziös niedersetzte, und zwei Manager in riesigen Kartons kostümiert, die Wolkenkratzer darstellen sollten, zu sehen.
Djagilew meinte, wie Nijinskys Schwester Romola berichtet, «Paris jedes Jahr etwa Neues bieten [zu müssen]. Wir dürfen nicht weniger modern sein als Marinetti. Futurismus, Kubismus sind das letzte Wort.»
Das Publikum allerdings pfiff das Ballett wütend aus, und der Dichter Blaise Cendrars ließ sich dazu hinreißen zu brüllen: «Pi pi pi… ca ca ca … so so so Picasso!»

(MEHR im MIR-Kalender)


„Pferd, PARADE, Picasso“ sind nur einige der Zutaten des aktuellen MIR-Kalenders, in dem, auf ebenso ansprechende wie informative Art nicht nur Die Magie der ‚Ballets Russes‘ auflebt, sondern zugleich eine ganze kunsthistorische Epoche: Jene zu Beginn des 20. Jahrhundert, mit ihrer vielseitigen schöpferischen Fülle …

Der Kalender kann bestellt werden unter > kulturzentrum@mir-ev.de

ebenso alle weiteren > MIR-Publikationen

> LINK zum KALENDER 2022 als pdf-Datei


Zitate zu Sergej Djagilew / Цитаты о Сергее Дягилеве

«Serge Djaghilew ist ein fürchterlicher, aber auch unwiderstehlicher Mensch, der sogar Steine zum Tanzen bringen kann».

Claude Debussy

«Es ist unmöglich zu verstehen, was für ein Mann er ist. Er fasziniert und treibt einen gleichzeitig in den Wahnsinn, wie eine Schlange gleitet er einem aus den Händen – in Wirklichkeit interessiert er sich nur für sich selbst und für das, was er tut».

Henri Matisse

«Dieses Ungeheuer, dieses heilige Ungeheuer, dieser russische Prinz, der mit dem Leben nur zufrieden war, wenn Wunder darin geschahen.»

Jean Cocteau, der mit den «Ballets Russes» zusammengearbeitet hat, 1924 mit Sergej Djagilew (rechts)
Ausschnitt aus dem KALENDER 2022 „Die Magie der Ballets Russes“, von > MIR, dem russischen Kulturzentrum in München

Vorschau 2022

 Eine Hommage an Sergej Djagilew, aus Anlass des 150. Geburtstags,
am 31. März 2022, ist in Planung.

Details folgen zeitnah unter > www.mir-ev.de

MIR e.V. stellt sich vor:

Tatjana Jewgenjewna Lukina
Präsidentin von MIR – Zentrum russischer Kultur in München
MIR – das Zentrum russischer Kultur in München – ist ein gemeinnütziger Verein, der im September 1991 von der Schauspielerin und Journalistin Tatjana Lukina als Brücke zwischen der russischen und deutschen Kultur gegründet wurde. Zu seinen Hauptaufgaben gehört die Pflege der gemeinsamen kulturellen Wurzeln und der traditionellen Kulturbeziehungen.

Neben der Ausrichtung von Kulturveranstaltungen, Konzerten, Lesungen, Vorträgen, Ausstellungen, Kulturfestivals –
ist MIR auch publizistisch tätig:
Jahr für Jahr gibt der Verein u.a. einen zweisprachigen illustrierten Kalender heraus, der den Leser in die Welt der russischen Literatur, Kunst und Geschichte einführt.


Mehr zu den > MIR-Publikationen

Bestellungen unter >
kulturzentrum [at] mir-ev.de

MEHR zu > MIR



Weitere Beiträge zu den vielfältigen Aktivitäten von MIR im GdS-Blog:

„Der Ewigkeit verpflichtet“ – Der russische Komponist Georgi Swiridow (1915 – 1998)

Ein Zeitzeugengespräch mit dem Komponisten Vladimir Genin, geführt und niedergeschrieben sowie durch Hörbeispiele ergänzt von Jon Michael Winkler, Musiker und KomponistRedaktion und Text-Gestaltung: Gaby dos Santos „Georgi Swiridow? Nie gehört ..!“ –…

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Das Titelbild zeigt die Bloggerin und Kulturvermittlerin Gaby dos Santos, Autorin der vorliegenden Rezension,
mit dem MIR-Kalender 2022 „Die Magie der Ballets Russes“,
fotografiert von Sigi Müller > www.augenblick-fotografie.com
und ergänzt durch das GdS-Logo: Die Theatermaske mit Perlenträne im Augenwinkel



Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement/PR > gabydossantos.wordpress.com

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