Am 20. November 1941 deportiert aus der Münchner Bayerstraße und ermordet am 25.11.1941 in Kaunas: Vom Leben und Sterben der Helene Simons – Ein Bericht zum 80. Gedenktag von Sibylle Schwarzbeck

„Eines Tages brachte Lenchen die Kunde, dass sie abtransportiert wird. Wir gingen am Vormittag alle zu ihr. Dann gingen wir mit ihr zum Bahnhofsvorplatz, dort musste sie mit vielen anderen auf einen offenen Lastwagen und wurde weggefahren. Wo sie hin kam wusste man nicht, aber man konnte es sich mit Grauen ausdenken.“ 

So die Tagebuchnotizen der Großmutter von Sibylle Schwarzbeck zur Deportation ihrer Freundin Helene Simons am 20. November 1941 aus München; ein Datum, dessen tragische Begleitumstände sich unauslöschlich sich in der Familienchronik einbrannten. Jahrzehnte später folgte daher die Münchner Lehrerin Sybille Schwarzbeck dem letzten Weg der Freundin ihrer Großmutter, bis zu deren Ermordung im 9. Fort in Kaunas, am 25. November 1941.

Ihre fragmentarischen Erinnerungen an die Deportation von Helene Simon aus den Erzählungen der Mutter sowie ihre persönlichen Eindrücke von der Reise nach Kaunas hielt Sibylle Schwarbeck schriftlich fest, um sie Jahre später, bei der Verlegung des Stolpersteins für Helene, öffentlich vorzutragen:

Ja, dann wurde sie abgeholt. Da war sie so alt wie ich jetzt bin! Am Bahnhof, nicht weit von hier, zieht sie ihren Ring aus und gibt ihn meiner Großmutter mit den Worten: „Suse nimm ihn! Dort, wo ich hinkomme, brauche ich ihn nicht mehr.“ Die Geschichte der Übergabe des Ringes war das größte Puzzleteil einer Lebensgeschichte, die wir als Kinder immer hörten …

Der Ring und wohl im Pfarrhaus gelagerte Gesangspartituren, die ich besitze, sind die Reste, die an sie erinnern.

Das Ehepaar Schwarzbeck ließ einen Stolpersteinen zum Gedenken an die von den Nazis ermordeten Helene Simon verlegen
Stolperstein für Helene Simons – Das Ehepaar Schwarzbeck in der Bayerstr.

(…) Wer war nun diese Frau Helene Simons, für die mein Mann und ich den Stein verlegt haben wollen, und für die Sie hier stehen? Lassen sich doch aus ihrem Leben nur einige Fakten, gebunden an Orte und noch bekannte Daten, erinnern: 

Ansprache von Sybille Schwarzbeck bei der > Verlegung des Stolpersteins für Helene Simons

Helene Simons wird als Helene Deutschmann, 1879 in Breslau, als Tochter von Molly Deutschmann und dem Fabrikanten Max Deutschmann geboren. Sie wuchs in Breslau auf, besuchte dort neun Jahre die Höhere Töchterschule und ließ sich dann – nebenbei ????? – als Konzertsängerin ausbilden, trat aber wohl nie in größerem Rahmen auf. Die erste Ehe schloss sie, 20 jährig, 1899 in Breslau mit dem Augenarzt Dr. Hugo Neumann, auch ein geborener Breslauer. Beide lebten später in Berlin. Dieser Dr. Neumann (jüdischen Glaubens oder nicht) kämpfte und fiel dann als Oberstabsrat im Ersten Weltkrieg für das Land, das 23 Jahre später seine Frau ermorden sollte. So war sie mit 39 Jahren das erste Mal Witwe. Die 2. Ehe schloss sie 1922, also vier Jahre später, mit dem Arzt und Sanitätsrat Ernst Moritz Simons. Wieder lebten beide in Berlin und wieder blieb die Ehe kinderlos. Im Ruhestand ziehen beide 1921, sie ist nun 42, von Charlottenburg nach Reichenhall in ein, der Erzählung meiner Mutter nach, wunderschönes Haus, das es nicht mehr gibt. Es ist alles sehr kultiviert, der Freundeskreis oft geladen. Mein Großvater ist zu dieser Zeit Pfarrer in Reichenhall und in dieser Zeit nun konvertieren die Simons beide zum evangelischen Glauben. So entsteht die Freundschaft zwischen meinen Großeltern und dem Ehepaar. Simons sind wohlhabend, es wird der Kirche großzügig gespendet.

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Helene Simons als ältere Dame Quelle: Sibylle Schwarzbeck

1933, kurz vor der Machtergreifung, wird mein Großvater an die Kreuzkirche in Schwabing versetzt, der Kontakt bleibt erhalten. Man besucht sich, fährt hin und her, verbringt die Sommerfrische bei den Simons in Reichenhall, feiert andere Feste in München, z.B. auch Weihnachten. (Brocken, die ich weiß, mir merken konnte.) Die Zeiten ändern sich, wie wir wissen. Herr Simons hat das „Glück“ 1934 rechtzeitig eines normalen Todes sterben zu können. So ist Frau Simons mit 55 Jahren wieder verwitwet. Kurz darauf wird sie ihrer Heimat, ihres dortigen Hauses beraubt und lebt fortan hier in München in der Bayerstraße 25. Sie erzählt von einer sehr netten, bis zum Ende hilfsbereiten Besitzerin. Die Tage verbringt sie wohl öfters im Pfarrhaus in Schwabing. Meine Mutter schilderte sie als eine warmherzige Person, … im Gegensatz wohl zur eigenen Mutter…

Das Schicksal dieser Frau bewegte mich zeitlebens. Allerdings war das Nachforschen, als ich anfing damit, weit schwieriger als jetzt: Es gibt inzwischen den Gang der Erinnerung in der Münchner Synagoge (am Jakobsplatz), wo ihr Name zu sehen ist, es gibt weit mehr Bücher, es gibt das Internet. So kam Steinchen zu Steinchen. Auch Litauen ist näher an uns herangekommen. Und so fuhr ich mit meiner Tochter vor vier Jahren nach Kaunas und suchte dort nach der Gedenkstätte „Neuntes Fort“

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck
Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine lange Reise, viele Umstände in Kaunas; in den ersten drei Infopunkten kannte man das „Neunte Fort“ überhaupt nicht. (Auch Litauen muss sich dieser Zeit noch stellen!) Erst eine junge Frau in einem weiteren Tourismus-Büro blätterte in dem gleichen orangen Ordner wohl etwas weiter nach hinten und fand plötzlich Angaben.

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck
Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

Eine Busfahrt hinaus aus der Stadt, den Berg hinauf. (Der litauische Jude Zwi Katz beschreibt den langen Fußmarsch der Münchner Juden 1941, diese Strecke entlang, auf erschütternde Weise.) Eine sehr geduldige und beharrliche Tochter – und dann, kurz vor der Schließung von Museum und Fort, bin ich am Ziel:

Neuntes Fort, Foto: S. Schwarzbeck
Neuntes Fort, Kaunas; Foto: S. Schwarzbeck

Das Fort – wir waren die einzigen – der Keller, tief unter der Erde, nur einzelne Lichtschächte nach oben, Aufsperren von Räumen, Entlanggehen von endlos erscheinenden Gängen, dann der Raum der „Münchner Juden“, der uns aufgesperrt wird. Endlose Listen an den Wänden, Suchen im Halbdunkel, kurz vor Museumsschluss, schließlich findet meine Tochter den Namen:
Nr. 302 Helene Simons – Die Freundin meiner Großeltern!

2012_04_Baltikum_Helene_Simons_Deportationsliste
Liste des Grauens: Kaunas-Deportationsliste: Jeder Name steht für einen ermorderten Menschen, in Zeile 3 Helene Simons

Wir gingen bei eisiger Kälte, es war Anfang April, noch um das Fort herum, um die Gräben und zum Denkmal der Erinnerung. Es war windig, teilweise lag noch Schnee. Weite Flächen und Felder um uns …

Gedenkstätte "Neuntes Fort", Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck
Gedenkstätte „Neuntes Fort“, Kaunas/Litauen, Baltikum; Foto: Sibylle Schwarzbeck

76.000 Tote hier. Und irgendwo unter ihnen liegt die Asche dieser Frau …
So viele Fragen zu ihr bleiben offen! In welchem Stock wohnte sie hier in München? Wo sind ihre restlichen Dinge aus diesem Zimmer, die Möbel, Fotoalben, persönliche Briefe, Fotos ihrer Männer, Fotos aus glücklichen Zeiten ..? Wer war diese Frau? Lachte sie viel? War sie eher ernst, eher heiter? Um so erfreulicher heute das Steinverlegen! Hier wird dieser Frau nun gedacht werden!!!! !!! (…)

Soweit der Text von Sibylle Schwarzbeck,

Ebenfalls am 20.11.1941 deportiert in den sicheren Tod wurden Rosa Mittereder und ihre Tochter Erna Wilhelmine >


Am 25. November 1941 wurden insgesamt 997 Münchener Jüdinnen und Juden im Fort IX in Kaunas ermordet.

GEDENKSTUNDE



zum 80. Jahrestag der Ermordung der Münchner Deportierten
am Donnerstag, 25. November, um 17h, Max-Josephs-Platz
Lichtprojektionen „Faces for the Names“ – Musik – jüdische Gebete

Gedacht wird, stellvertretend für die vielen anderen Münchner Opfer,

  • Carola Koppel und ihrer Kinder Judis, Günther, Hans und Ruth
  • Siegfried und Paula Jordan
  • Amalie Rosner.

Im Beisein der Familien Koppel, Jordan sowie Rosner
– Live Zuschaltungen per zoom aus den USA, UK und Israel –
unterstützt durch Bilder der Deportation und der Opfer,
die an die Außenwand der Residenz projiziert
werden.

  • Gebet: El Male Rachamim
    Rabbiner Tom Kucera, Liberale jüdische Gemeinde Beth Shalom München
  • Gedenkmusik: Ensemble Zikoron
  • Lesung der Briefe zwischen Carola und Carl Koppel
    Carl und den Söhne Walter und Alfred war die Emigration in die USA gelungen. Ihr Briefwechsel bezeugt in erschütternder und berührender Weise ihren vergeblichen Versuch, Carola und die anderen Kinder nachzuholen.

Alle Details dazu sowie zu weiteren Lichtinstallationen >

Weitere Informationen:
Terry Swartzberg, (0170) 473 35 72
J.E.W.S. Jews Engaged with Society
https://j-e-w-s.org/


Die Titelcollage von Gaby dos Santos zeigt eine Lichtinstallation eines Fotos und des Stolpersteins von Helene Simons in der Bayerstraße

Auf der Straße ein Stolperstein, auf der Hausfassade die Projektion des Gesichts von Holocaust-Opfer Helene Simons
Eine Gedenkveranstaltung im Februar 2021 der Initiative „Faces for the Names“
, Foto Swartzberg

Diese Lichtinstallationen sind eine Initative von Faces for the Names. Sie macht die Opfer des Holocaust – ihre Namen und ihre Gesichter – für uns alle sichtbar. Ihre Fotos werden an die Fassaden der Häuser projiziert, in denen sie früher gelebt haben und zu Hause waren.

Faces for the Names wurde nach Vorbildern in Prag und Washington D.C. von J.E.W.S. ( Jews Engaged With Society e.V.)


Ein Mensch ist erst vergessen,
wenn sein Name vergessen ist.

Zitat aus dem Talmud

2016_07_04_Stolpersstein_Helene_Simons_Bayerstrasse-25_Hauptbahnhof_Muenchen

Die Bayerstraße 25 war dritte Station und Ende eines sehr emotionalen Nachmittags im Juli 2016, der mit der Stolpersteine-Verlegung in der Franz-Joseph-Str. 19 in Schwabing begonnen hatte, organisiert vom Verein Stolpersteine für München e.V.


Der obige Nachruf auf Helene Simons von Sibylle Schwarzbeck ist Teil eines ausführlichen Berichts dazu im GdS-Blog >

MEHR ZU DEN STOLPERSTEINEN:


Mehr zu „Faces for the Names“ >



Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement/PR > gabydossantos.wordpress.com

5 Kommentare zu „Am 20. November 1941 deportiert aus der Münchner Bayerstraße und ermordet am 25.11.1941 in Kaunas: Vom Leben und Sterben der Helene Simons – Ein Bericht zum 80. Gedenktag von Sibylle Schwarzbeck

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