Ein Leben für die Bühne: Eva Giesel und ihr Litag Theaterverlag München in der Maximilianstraße – Gastbeitrag von Renée Rauchalles

Was macht und wie funktioniert ein Theaterverlag, wie kommen die Stücke ans Theater?

Um das zu erfahren, besuche ich Eva Giesel in ihrem Büro in der Maximlianstraße in München und staune: Es gibt kaum Bücherregale. Heute werden Texte online verschickt, denn man hat nur die Rechte für die Erstellung des Arbeitsmaterials für Bühnenaufführungen und keine Druckrechte, klärt sie mich auf.

Eva Giesel vor dem Eingang zu ihrer Agentur in der Münchner Nobelmeile Maximilianstraße, einen Steinwurf entfernt von der Bayerischen Staatsoper und schräg gegenüber von den Münchner Kammerspielen

Und ein Verlag im üblichen Sinne ist sie auch nicht, sondern eine Agentur, die Theaterstücke der von ihr betreuten AutorInnen den verschiedensten Theatern (subventionierte Theater, Privattheater, Amateurtheater) bundesweit anbietet: Berlin, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg, Köln, auch Wien, Zürich, Linz, da die Rechte für den deutschsprachigen Raum gelten. Wenn die Theater einen Aufführungsvertrag unterschrieben und damit die Aufführungsrechte am Stück erworben haben, kann die theaterinterne Vorbereitung des Probenprozesses beginnen, das heißt, die Suche nach der passenden Besetzung, Gagenverhandlungen, Regiekonzepte. Die Schauspieler bekommen den Text ausgedruckt oder als Datei vom Theater. Die Textvorlagen werden von den AutorInnen in einer genormten Formatierung an den Verlag geliefert. Auf der Website des Verlags, die eigentlich der Verlagskatalog ist, sind die Titel mit Besetzung und kurzer Inhaltsangabe gelistet. Einige Stücke deutschsprachiger AutorInnen werden mit deren Einverständnis als Ebook und gegen eine Gebühr zum Lesen angeboten. Texte ausländischer AutorInnen dürfen allerdings nicht als Ebook erscheinen, da das urheberrechtlich sehr kompliziert ist.

In München arbeitet Eva Giesel unter anderem mit der Komödie im Bayerischen Hof oder der Kulturbühne Spagat zusammen, wo das Stück Kitzeleien – der Tanz der Wut von Andréa Bescond im Mai sechsmal aufgeführt wurde. Weitere Vorstellungen fanden im September und Oktober 2021 statt, als Teil des sozio-kulturellen Angebots in Jutta Speidels neuem HORIZONT-Haus am Domagkpark, einer gemeinnützigen Einrichtung für obdachlose Kinder und Mütter sowie Familien in prekären Lebensumständen.

Im Open Air Bereich vor der Kulturbühne Spagat nahm Eva Giesel im Sommer 2021 an einer Podiumsdiskussion mit Jutta Speidel teil, im Rahmenprogramm von Kitzeleien – der Tanz der Wut (Fotos)

Die Münchnerin Eva Giesel studierte vier Jahre an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien Bühnenbild und Kostüm und schloss das Studium mit dem Mag. art ab. Zurück in München konnte sie am Theater für Kinder für einen Bühnenbildner, der krankheitshalber ausfiel, einspringen. Kleine Theater wie Theater über dem Landtag und das Moderne Theater folgten. Der erste „feste“ Vertrag kam vom Theater in Memmingen (vier Spielzeiten) für Bühne und Kostüm. Als der Intendant nach Lübeck wechselte, konnte sie dort gastieren. Am Passauer Theater stattete sie ihre ersten Opern aus: Barbier von Sevilla und Rigoletto. In Flensburg arbeitete sie in den Sparten Schauspiel, Oper, Operette, Musical und Ballett. Ihre Engagements führten sie nun von Theater zu Theater, von Oberhausen bis Leipzig, von Wilhelmshaven bis Bregenz, 26 Jahre lang. Manche Schlafwagenschaffner kannten sie schon. Als ein Münchner Theaterverlag jemanden für seine neue Software suchte, ergriff Eva Giesel die Chance zur Veränderung, sodass 1998 ein neuer Lebensabschnitt begann. Für Technik hatte sie ein Händchen, die brauchte sie ja schon für ihre Bühnenbilder.

Nach drei Jahren kam der Münchner Pegler Verlag, der von einem betagten Ehepaar geführt wurde, auf sie zu. Dessen Schwerpunkt lag auf englischen und französischen Komödien. Zehn Jahre wird Eva Giesel dort bleiben und das Handwerk eines Theaterverlages von der Pike auf lernen. Ihre Arbeit bestand darin: Stücke finden, lesen und anschauen (dafür reiste sie nach England und Frankreich zu den dortigen Aufführungen), Übersetzungen beauftragen und Gegenlesen, Theaterverträge abschließen, Abrechnungen für die Autoren erstellen. Als der Verlag verkauft wurde, wurde ihr der Litag Theaterverlag zum Kauf angeboten. Sie wagte den Sprung ins kalte Wasser, seit 2011 leitet sie ihn als Geschäftsführerin. Auch da legte sie den Schwerpunkt auf englische und französische Komödien, auf die „eleganten“, wie sie betont. Aber auch ernste Stücke, Bearbeitungen von Klassikern, Politisches, Musikalisches (Libretti in moderner Bearbeitung), Krimis und Stücke für Kinder und Jugendliche hat sie im Programm. Unter den etwa zweihundert buntgemischten AutorInnen entdeckte ich beispielsweise Fitzgerald Kusz (seine Gedichte erschienen mehrmals in der Literatur in Bayern), Cornelia Naumann (schreibt auch historische Romane, zuletzt Der Abend kommt so schnell über die russische Revolutionärin Sonja Lerch aus der Zeit der Münchner Räterepublik – leider sind Autorinnen, die fürs Theater schreiben, in der Minderzahl) oder Peter Lund mit seinem beliebten Kinderstück Hexe Hillary geht in die Oper.

Eva Giesel 2018, bei einer Feier, zwischen Alexander Diepold und Gaby dos Santos, rechts vorne Uta Horstmann, auf den Stufen Esthera und Artur Silber

Aufgrund ihres großen Netzwerks kannte Eva Giesel schon zahlreiche Theater, IntendantInnen, RegisseurInnen, DramaturgInnen, AutorInnen und ÜbersetzerInnen, sodass sie problemlos darauf aufbauen konnte. Gute Zusammenarbeit ist ihr wichtig. Reisen bilden nach wie vor einen wichtigen Teil ihres Lebens. Ein Koffer ist immer griffbereit gepackt, denn sie ist weiterhin (bis vor der Pandemie) jährlich circa zweimal unterwegs nach London und Edinburgh, Paris und Avignon, um sich an den renommierten Häusern und im Off-Bereich Stücke anzuschauen (die jeweilige Sprache zu beherrschen ist Voraussetzung). Über die Spielpläne informiert sie sich im Internet oder Autorenagenturen schicken neue Angebote. Dann gilt es – wenn sie von der Qualität des Stücks überzeugt ist – sich schnell die ausschließlichen Rechte für den deutschsprachigen Raum zu sichern. Dafür zahlt sie einen Vorschuss an die Agentur des Autors. Das Risiko geht sie ein, sie hat ein Gefühl dafür, was bei welchen Theatern ankommt, auch wenn es mal lange dauern kann, bis sie das Stück eines Autors, einer Autorin unterbringt wie im Falle des 2020 verstorbenen Pariser Autors Eric Assous. Das lag in diesem Fall aber nicht an seiner Komödie Achterbahn, sondern an der Formulierung der Stückbewerbung: in Paris hat Alain Delon den männlichen Part gespielt, was Wunschkandidaten für die deutschen Bühnen eher abschreckte als motivierte. Fünf Jahre hat es gedauert, bis sie endlich eine deutschsprachige Erstaufführung unterschreiben konnte, jetzt ist das Stück schon an vielen Theatern erfolgreich gelaufen. Ja, sie kämpft für ihre Autoren (wenn auch nicht immer mit Erfolg). Erfolg bedeutet, wenn sie bundesweit Aufführungsverträge für ihre AutorInnen unterschreiben kann. Wie viele Stücke diese in welcher Zeit schreiben, ist deren Kreativität überlassen. Üblicherweise bleibt ein Autor mit allen seinen Stücken bei ihr.

Eva Giesel ist regelmäßig zu den Theatern in Deutschland, der Schweiz und in Österreich unterwegs, wo die Stücke ihrer AutorInnen aufgeführt werden, um bei den zahlreichen Premieren anwesend zu sein, das heißt, den Autor zu vertreten. Sie ist dafür verantwortlich, dass das Urheberrecht des Autors nicht verletzt wird. Bei kritischen Produktionen lässt sie sich vorab Änderungen ansagen und sagt ggf. nein. Denn trotz gesetzlicher Regelung, inwieweit Änderungen vorgenommen werden dürfen, können diese zu anstrengenden Auseinandersetzungen führen. Apropos Urheberrecht: Wer weiß schon, dass es der 1732 in Paris geborene Franzose Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais erfunden hat. Nachzulesen auf der Website: litagverlag.de/fundstuecke/ und anderes Wissenswertes unter > TheaterBoulevard.

Eine Ausgabe des > Kulturmagazins im > TheaterBoulevard auf der Homepage des Litag Verlags

Diese Rubrik hat Eva Giesel in der ihr durch die Coronakrise geschenkten Zeit geschaffen, in der bisher über fünfzig Produktionen weggefallen sind – normalerweise finden jährlich 100 bis 150 statt. Aufgrund der Schließung der Theater sind deren Kasseneinnahmen weggebrochen, davon ist auch die Agentur betroffen. Da Eva Giesel sich auch kulturpolitisch engagiert, hat sie eine Petition für die Unterstützung der Theater nach Corona eingereicht. Ausgang noch offen.

Ende des Gastbeitrags von > Renée Rauchalles im GdS-Blog


Von Eva Giesel selbst stammt der nachstehende, leidenschaftliche Appell:


Mehr zu Renée Rauchalles, der Gastautorin des obigen Beitrags >



Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement/PR > gabydossantos.wordpress.com

3 Kommentare zu „Ein Leben für die Bühne: Eva Giesel und ihr Litag Theaterverlag München in der Maximilianstraße – Gastbeitrag von Renée Rauchalles

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