Masako Ohtas „Haiku La Vier“ – 4teilige Text-/Klang-Performance im Wechsel der Jahreszeiten: „HERBST“ am Sonntag, 31.10./15h, Arbeitszentrum München der Anthroposophischen Gesellschaft, Leopoldstr. 46a

„Bei dem japanischem Kurzgedicht – Haiku – sind die vier Jahreszeiten ein sehr wichtiges Element. Durch das Jahreszeiten-Gefühl wird Poesie freigesetzt,“ erläutert Masako Ohta die Motivation für ihre dem HAIKU gewidmete Klang-Text-Reihe, die sie in jahreszeitlichen Zyklen präsentiert, womit die japanische Künstlerin einen zentralen Aspekt sowohl der HAIKUS wie auch der japanischen Kultur generell aufgreift: Den Bezug auf die Jahreszeiten.

Tief in der japansichen Kultur verwurzelt: Die Jahreszeiten und ihr Wechsel

Um diesen herzustellen, wird sich sogenannter Kigo bedient, spezielle Begrifflichkeiten, die in Japan mit bestimmten Jahreszeiten assoziiert werden, wie beispielsweise die Kirschblüte für den Frühling, Sonnenstrahlen für den Sommer, rotes Herbstlaub für den Herbst oder Schnee für den Winter. Ein Kigo kann ein Wort aus verschiedensten Kategorien sein wie beispielsweise Wetter, Tiere, Pflanzen, Landschaften, Bräuche aber auch alltägliche Gegenstände. So kann in modernen Haikus der Ventilator durchaus als sommerliches Kigo durchgehen.

Online kann man übrigens auf unzähligen Seiten gezielt nachschlagen, welches Kigo mit welcher Jahreszeit assoziiert wird. > MEHR

夕立や
カエルの面に
三粒ほど
Yūdachi ya
kaeru no tsura ni
mitsubu hodo
Sommerregen
auf dem Gesicht eines Frosches
Drei Wassertropfen
[Masaoka Shiki (1867-1902), Übersetzung > Natascha Mattern] > MEHR

Ganz wie ein Bild, vermag ein Haiku mehr auszudrücken, als tausend Worte

Aus dem Vorwort des Kokinshu (Sammlung alter und neuer Gedichte) aus dem Jahre 905 stammt folgendes Zitat:

Die japanische Dichtung hat als Samen das menschliche Herz, und ihr entsprießen unzählige Blätter von Wörtern. Viele Dinge ergreifen die Menschen in diesem Leben: sie versuchen dann, ihre Gefühle durch Bilder auszudrücken, die sie dem entnehmen, was sie sehen und hören.“

Übersetzung: Donald Keene

Dietrich Krusche, emeritierter Professor für Interkulturelle Hermeneutik, nennt Prinzipien, die im Regelfall für das traditionelle Haiku gelten: Ein Haiku ist konkret. Gegenstand des Haiku ist ein Naturgegenstand außerhalb der menschlichen Natur. Abgebildet wird eine einmalige Situation oder ein einmaliges Ereignis. Diese Situation oder dieses Ereignis wird als gegenwärtig dargestellt. Im Haiku findet sich ein Bezug zu den Jahreszeiten. > MEHR

Gedenktafel für Matsuo Bashō mit einem Haiku

Im 16. Jahrhundert, mit Beginn der Edo-Periode. entstand die Form, die wir heute als klassisches Haiku bezeichnen. Voraussetzung dafür waren einige Besonderheiten der Zeit: Die Gesellschaft war geprägt durch ein feudalistisches Klassen- und Ständesystem. Zudem schottete sich Japan fast vollständig nach außen ab. So entstand eine in sich geschlossene, scheinbar unveränderliche Welt. Durch dieses genau definierte Werte- und Symbolsystem hatten Dichter und Rezipienten über Jahrhunderte einen gemeinsamen, klar abgegrenzten perzeptiven Hintergrund. Veränderungen fanden nur im Detail statt.

Heute gilt Matsuo Bashō (1644–1694) als der erste große Haiku-Dichter. Sein Frosch-Haiku ist wohl das meistzitierte Haiku der Welt.

JapanischTranskriptionÜbersetzungÜbersetzungs­variante
古池や
蛙飛び込む
水の音
furu ike ya
kawazu tobikomu
mizu no oto
Der alte Weiher:
Ein Frosch springt hinein.
Oh! Das Geräusch des Wassers.
Uralter Teich.
Ein Frosch springt hinein.
Plop.

Große Haiku-Dichter waren zudem Yosa Buson und Kobayashi Issa. Issa brach zuweilen mit der konventionellen 5-7-5-Form. Seinen Werken, die der zunehmenden Sophistizierung der Haiku eine Absage erteilten, scheint eine tiefe Liebe zu Mensch und Kreatur zugrunde zu liegen, die oft mit Humor gewürzt war:

Auf dem Seerosenblatt der Frosch,
aber was macht er
für ein Gesicht?


Die Autoren von Haikus schrieben auch angesichts der Erfahrung des Todes oder dem Bewusstsein des (unmittelbar) bevorstehenden eigenen Todes.

Besonders bekannt sind die japanischen Samurai, die sogenannte Todes-Haikus schrieben (jap.: jisei; engl.: death poems).

Abbildung links:
General Akashi Gidayu bereitet sich vor, Seppuku zu begehen, nachdem er 1582 eine Schlacht für seinen Herren verloren hat. In der Darstellung Tsukioka Yoshitoshis ist das fertiggestellte Todesgedicht in der oberen rechten Ecke zu sehen.


Die deutschsprachige Haiku-Dichtung. Von den Anfängen bis zur Gegenwart
ONLINE–PORTAL DER DEUTSCHEN HAIKU–GESELLSCHAFT E.V. > LINK

Im deutschsprachigen Raum hat das Haiku seit den 1920er Jahren Fuß gefasst. Hier seien Rainer Maria RilkeFranz BleiYvan GollPeter AltenbergAlfred Mombert und Arno Holz  genannt. Großen Einfluss hatten ab den späten 1930er Jahren die Haiku-Sammlung Ihr gelben Chrysanthemen! von Anna von Rottauscher und die Haiku von Imma von Bodmershof. > MEHR

Im September 1920 schreibt Rainer Maria Rilke aus Genf: “Kennen Sie die kleine japanische (dreizeilige) Strophe, die Hai-Kais heißt? die (sic) Nouvelle Revue Francaise bringt eben Übertragungen die­ser in ihrer Kleinheit unbeschreiblich reifen und reinen Gestaltung.”
Adressatin des ist Gudi Nölke. Wenige Tage später diskutiert er mit ihr und ihrer japanischen Gesellschafterin Asoka Matsumoto über das Haiku, für ihn „ein neuer und wertvoller Bewußtseinsinhalt”.

Kleine Motten taumeln schaudernd quer aus dem Buchs; sie sterben heute abend und werden nie wissen, dass es nicht Frühling war.

Deutsches Haiku von Rainer Maria Rilke

Dieses, eines von insgesamt drei überlieferten Haiku Rilkes, gehört zu den frühen isolierten Einzelbeispielen, die dem japanischen Dreizeiler im deutschsprachigen Raum kompositorisch Bahn brechen. Ihren eigentlichen Anfang nimmt die deutschsprachige Haiku-Dichtung erst in den 60er Jahren.

Der zeitgenössische Nürnberger Schriftsteller Fitzgerald Kusz hat zahlreiche Haikus in mittelfränkischer Mundart verfasst. > MEHR



Die japanische Ausnahme-Pianistin, Performerin und Wahlmünchnerin Masako Ohta betätigt sich einmal mehr als Kulturbotschafterin ihrer Heimat, mit einer dem HAIKU gewidmeten Reihe:

HaiKu-la-Vier

ist ein Zusammenklang von Haiku, Klavier, La Vie – das Leben – und den vier Jahreszeiten.

In jeder Jahreszeit gestalte ich ein HaiKu-la-Vier Konzert.

Ich lese klassische Haikus von großen Haiku-Dichtern auf Japanisch vor, übersetze diese Texte ins Deutsche und erläutere deren Bedeutung und Kontext.

Dazu spiele ich ausgewählte Stücke für Klavier.

Masako Ohta, Details > www.masako-ohta.de



Aus dem „Haiku-la-Vier“ Konzert im Frühsommer 2021

> LINK zu den HAIKU-Texten des obigen Konzerts


AKTUELL:

„HaiKu-la-Vier“ – Herbst
mit Klavier-Musiken ​von u.a. Satie, Chopin, Schubert und Brahms

Haikus & Klaviermusik in Vierjahreszeiten

So. 31.10.2021 um 15:00 Uhr
Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland
Arbeitszentrum München, Leopolstr. 46 a

Eingang zum Arbeitszentrum München der
www.anthroposophie-muenchen.de/arbeitszentrum-muenchen

Reservierungen unter
unter: info@masako-ohta.de  
oder:  masako.ohta@gmx.de


Masako Ohtas Fotos stammen von Nomi Baumgartl


MEHR ZU MASAKO OHTA >


Weiterführende LINKS zum Thema „HAIKUS“,
laut eigener Recherchen sowie www.basileiachor.de/Haiku



Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement/PR > gabydossantos.wordpress.com

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