Sieben Seelen wohnen, ach, in Peers Brust – Impressionen im Vorfeld der Premiere von PEER GYNT nach Henrik Ibsen, der inklusiven Freien Bühne München, am So, 8.10., Black Box im Gasteig

Diesen PEER GYNT gibt es gleich sieben Mal …

Einleuchtend in einem Theaterstück, das von der Suche eines jungen Mannes nach sich selbst erzählt. Dessen Zerrissenheit spiegelt sich in der sehr unterschiedlichen Typografie der PEER GYNT-DarstellerInnen wieder, sieben an der Zahl, Frauen und Männer, Große und Kleine, mit und ohne Behinderung. Auf Grund dieser Diversität innerhalb des Ensembles tritt die Vielschichtigkeit der Titelfigur besonders deutlich zutage. Dennoch bleibt stets die Übersicht gewahrt, denn ein knappes rotes Outfit markiert, welche der DarstellerInnen gerade PEER GYNT verkörpern, während andere in die weiteren Rollen des Stückes schlüpfen, angesiedelt zwischen Realität und Phantasie.

Ein absoluter Höhepunkt von Regisseur Ulf Goerkes PEER GYNT Inszenierung ist der Besuch der Titelfigur beim Trollkönig und dessen Tochter. Eine düstere Beleuchtung, aufwändige Kostümierung (Janina Sieber) sowie die undergroundigen Beats des Soundtracks von DENIK bilden einen kongenialen atmosphärischen Teppich für das Reich der absonderlichen Trolle, von allen DarstellerInnen mit unübersehbarer Spielfreude verkörpert.

Das Foto links stammt aus dem Programmheft, auf dem Foto rechts ist eine der sieben „PEER GYNTS“ zu sehen: Marysol Barber-Llorente: Auf Dauer gefällt es PEER so gar nicht in der Höhle des Trollkönigs, blöd nur, dass er zu dem Zeitpunkt schon dessen Tochter (Maria Ringel, links im Hintergrund) geschwängert hat … Rechts im Hintergrund, der zweiköpfige Trollkönig, gespielt von Luis Goodwin und Jonas Stenzel

Nachdem er bereits seine wohlsituierte Braut Ingrid hat sitzen lassen, handelt PEER GYNT sich ausgerechnet in dieser Unterwelt weiteren Unbill ein, indem er die Tochter des Trollkönigs schwängert. Nachdem auch noch seine dominant rabiate Mutter stirbt, und er sich für seine Liebe zu Solveig noch nicht reif genug fühlt, bricht PEER zu einer großen Reise auf. Im Gegensatz zu Ibsens dramatischem Gedicht, dass hier als Vorlage diente, endet an dieser Stelle das Stück, Ausgang offen, wie im wahren Leben …


Oben: Hochzeitsgesellschaft, im Vordergrund Ingrid (Lena Flögel), PEERS gutbetuchte Braut
Mitte links: Statemend von Darstellerin Maria Ringel aus dem Programmheft
Mitte rechts: PEER (Jonas Stenzel) mit der Tochter des Trollkönigs (Maria Ringel)
Unten links: PEER (Jonas Stenzel) mit seiner geliebten Solveig (Natalie Lehmann)
Unten rechts: Marie Ringel, Wolfgang Vogel und Natalie Lehmann bei Proben

Lebensnah wirken auch die Dialoge, die in Sprache und Inhalt der Gegenwart angepasst wurden und bei den Aufführungen zusätzlich, in Form von Übertitelungen, zu sehen sein werden.

Links: Dramaturgin Florentina Ileana Tautu, im Interview mit Michael Wüst
Rechts: Angelica Fell, Vorstand FBM, bei einem von mehreren Presseterminen, hier mit Michael Wüst

Aufschlussreiche Einblicke in die Probenarbeit der inklusiven FREIEN BÜHNE MÜNCHEN (FBM), in der seit 2015 KünstlerInnen mit und ohne Behinderung Stücke von beeindruckender Qualität aufführen.

Notiz vom ersten meiner beiden Probenbesuche im September 2021

Meine Formulierung „beeindruckende Qualität“ charakterisiert alle Inszenierungen, die ich seit 2017 von der FBM gesehen habe und erklärt zum einen den durchgängigen Erfolg dieser Bühne seit 2015. Zum anderen spiegelt die Formulierung den hohen künstlerischen Anspruch wieder, den diese Bühne permanent an sich selbst stellt. „Professionalität“ wird hier großgeschrieben und gilt als Leistungsmaßstab gleichermaßen für DarstellerInnen OHNE und MIT Behinderung. Letztere erhalten an dieser Bühne, der bislang einzigen deutschlandweit, zudem die Möglichkeit einer Schauspielausbildung.

PEER GYNT tanzt auf vielfältige Art und wie immer, wenn etwas auf der Bühne scheinbar mühelos vonstatten geht, liegen viel Probenarbeit und noch mehr Schweiß hinter jedem einzelnen Ensemble-Mitglied …

Wer in einer der ambitionierten Inszenierungen der FBM mitspielen möchte, MUSS, wenn auch mit kundiger Unterstützung, spätestens am Tag der Premiere liefern. Daher werden alle AkteurInnen im Vorfeld einem sorgfältigen Casting unterzogen, ganz ohne „Behinderten-Bonus“. Auf diese Weise gefordert, werden alle Mitwirkenden im Verlauf des Probenprozesses automatisch auch gefördert.

Momentaufnahmen der Proben von PEER Gynt; Fotos: Michael Wüst

Damit unterscheidet sich die FBM von so manchem „gut gemeinten“ Theaterprojekt, bei dem sich die Einbahnstraße „Behinderten-Werkstatt“ auf die Qualität der Inszenierung überträgt, zu Lasten tatsächlicher künstlerischer Möglichkeiten. Leider steht „gut gemeint“ eben nicht automatisch für „gut gemacht“ und trägt daher auch nicht zu wirklicher Inklusion bei. Vielmehr bleiben Behinderungen vordergründig sichtbar, die Persönlichkeit der einzelnen DarstellerInnen hingegen verborgen. Dadurch werden neue Grenzen zwischen Menschen mit und Menschen ohne Behinderung gezogen, statt abgebaut.

Doch sollte es nicht gerade beim Theater genau darum gehen, die Persönlichkeit jedes Ensemble-Mitglieds so künstlerisch bereichernd wie möglich in die Inszenierung einzubinden und daraus neue Ausblicke auf das Leben zu erzeugen? Genau diese Vielfalt seiner DarstellerInnen macht sich die Freie Bühne München bei ihren Produktionen zunutze und stellt damit den Mehrwert von Inklusion als künstlerische – und somit auch gesellschaftliche Chance unter Beweis.

Peer steht für eine Realitätsflucht zugunsten einer Scheinwirklichkeit. Darin findet sich eine starke Parallele zum Heute, einer Zeit, in der die virtuelle Welt alle Möglichkeiten einer irrealen Selbstdarstellung bietet, und der Druck und Drang nach Selbstoptimierung gänzlich ins Absurde führen kann.

Doch was passiert mit den Menschen, die weniger anpassungsfähig erscheinen, die ihren Impulsen, Fantasien und Sehnsüchten folgen?



Solchen, die nicht der Norm entsprechen? Gibt es für sie überhaupt Akzeptanz und Raum in der modernen Gesellschaft?

Florentina Ileana Tautu, Dramaturgin zu PEER GYNT

In diesem Jahr hatte ich Gelegenheit, die Probenprozesse der FBM eingehender kennenzulernen, weil mein erster Besuch in ein relativ frühes Stadium der Proben fiel, wodurch mir ein Mehr an Schlüssellochperspektive geboten war. Dabei bewunderte ich besonders die detaillierte Regie von Regisseur Ulf Goerke, dessen einfühlsame Führung glücklicherweise so gar nichts mit dem berüchtigten Berserkertum vieler Regisseure alter Schule gemein hat…

Selbst eine personifizierte Auster wie ich, was das Bloßlegen innerer Seelenzustände beim Schauspielen anbelangt, konnte mir plötzlich vorstellen, mich mimisch unter die Fittiche Goerkes zu begeben, mich zu öffnen und zu bühnenreifer Leistung aufzublühen! 😉

Aus einem Post von Gaby dos Santos zu einem Probenbesuch im September 2021
Regisseur Ulf Goerke bei der Probenarbeit
Foto rechts mit Lena Flögel und Jan Meyer (künstlerischer Leiter der FBM und hier Regieassistenz)

Ulf Goerke löst in diesem Jahr erstmals Jan Meyer, den künstlerischen Leiter der FBM, am Regiepult ab. Was allerdings nicht bedeutet, dass es Jan bei dieser Inszenierung als Regieassistent vergönnt wäre, mal eine ruhigere Kugel zu schieben … Beziehungsweise – so mein Eindruck – vergönnt Jan es sich selbst nicht. Die hingebungsvolle Art von Theaterarbeit, die die FBM auszeichnet, gespeist durch die Vision dahinter, überträgt sich aus dem Stand auf alle, die damit in Berührung kommen, ob nun Mitglied der Bühnenleitung, wie Jan, des Ensembles oder außenstehende Unterstützerinnen wie ich …

ENIK komponiert die Musik zum Stück; hier während einer Probe

Auch auf den Bühnenallrounder, Sänger und Komponisten ENIK, der u.a. für die Fantastischen Vier schrieb, scheint der FBM-Funke übergeschlagen zu sein: Er lässt kaum eine der Proben aus, von denen er sich unmittelbare Inspiration für seine Theatermusik zu PEER GYNT holt, wobei seine Kompositionen stilistisch Welten entfernt von Griegs berühmtem Musik-Zyklus liegen: als zeitgemäße Sounds für ein zeitloses Thema.

Kartenbestellung via München Ticket > direkter LINK


Mehr zur FBM – FREIEN BÜHNE MÜNCHEN:

Die „Freie Bühne München“ versteht sich selbstverständlich als Theater für alle.
(…)
Wir bieten Inklusion – das bedeutet Vielfalt als Gewinn, ein buntes Miteinander, ohne Ausgrenzung, Diskriminierung und Behinderung durch Barrieren.
(…)
Unser Ziel ist es, neue künstlerische Wege zu gehen, spannendes Theater zu machen und durch unsere Arbeit ein Bewusstsein für gelebte Inklusion zu schaffen. (…)

Zitate zur IDEE der Freien Bühne München auf deren Homepage > MEHR
Angelica Fell, gemeinsam mit Marie-Elise Fell. Gründerin und geschäftsführender Vorstand der FBM

Eine stimmigere Kulisse hätte sich für ANGELICA FELL kaum finden lassen, als dieses markante Gebäude mit dem Schriftzug „Vielfalt„, der sich in Riesenlettern über den oberen Teil des zieht, denn Angelica ist die ideelle Schöpferin der inklusiven Freien Bühne München. Diese hat ihre Proben für die Produktion 2021 in das neue kreativ quirlige Werksviertel im Münchner Osten verlegt.


Beiträge zur Freien Bühne München im GdS-Blog >








Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement/PR > gabydossantos.wordpress.com

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