Ikone des Musik-Journalismus und doch früher Tod im Prekariat“: Abschrift meines Beitrags aus „Ingeborg Schober – Die Zukunft war gestern – Essays, Gespräche & Reportagen“, Hrsg. Gabriele Werth

Titelmotiv:
Collage von Gaby dos Santos des Artikels von Jochen Overbeck im MUSIKEXPRESS zum Buch mit Texten
von & zu Pop-Journalistin INGEBORG SCHOBER, Herausgeberin Gabriele Werth im Verlag Andreas Reiffer

Als ich zu ihrem fünften Todestag für mein Historical Ingeborg Schober – Eine Poptragödie recherchierte, stieß ich auf eine schillernde Persönlichkeit, die sich ganz anders darstellte, als die gesundheitlich und existentiell schwer angeschlagene „Schwester Hiob„, als die sie – tragisch und treffend – der Journalist Karl Bruckmaier in seinem SZ-Nachruf von 2010 bezeichnete.

Süddeutsche Zeitung . Münchner Kultur . 10.6.2010

Ein bisschen hatte ich die „schillernde Ingeborg“ auch noch selbst erlebt – bei unserem ersten Zusammentreffen 1997 in meiner damaligen WerkstattBühne im Robinson. Als Rezensentin der gerade sehr erfolgreich laufenden The Poet’s Rap & Roll Show war mir eine Journalistin der Süddeutschen Zeitung avisiert worden. Zu meiner Überraschung erschien eine sehr patente, wache und natürliche Frau, die, jenseits allen Kulturdünkels, gerade das „Unprätentiöse“ an Peter Kramers Inszenierung schätzte. Und sich kurz vor Abgabeschluss noch die Mühe machte, bei mir anzurufen, um sich die Namen der Mitwirkenden einzeln buchstabieren zu lassen, im Wissen um die damalige Wichtigkeit für jeden Kunstschaffenden, im Kulturteil der SZ genannt zu werden, der damals noch bundesweit erschien.

Sandra Maischberger beschreibt in obigem Video die „schillernde Ingeborg“ aus früheren Zeiten;
O-Ton aus dem Historical Ingeborg Schober – Eine Poptragödie

Danach traf ich sie erst 2003 wieder, als ich mit meiner Kulturplattform jourfixe-muenchen zur „Bohème-Nacht“ feierlich Einzug ins Münchner Künstlerhaus hielt. Damals war Ingeborg bereits dringend auf Lesungen aus ihren Büchern angewiesen, um ihr Einkommen aufzubessern und suchte nach Auftrittsmöglichkeiten. Bei uns sollte sie in Folge einige finden …

Ab und an bekam sie noch von der Süddeutschen Zeitung Aufträge für Kulturrezensionen. Die bedeuteten für sie zunächst vor allem Spesen für das obligatorische Getränk am Spielort und meist lange Fußmärsche heimwärts durch das nächtliche München, um Fahrgeld zu sparen; alles für einen Artikel, der möglicherweise gar nicht erscheinen würde, falls ihn eine Anzeige verdrängte. In solchen Fällen, die ich mehr als einmal miterlebte, stand Ingeborg, als freier Mitarbeiterin, weder ein Ausfallhonorar noch die Erstattung ihrer Spesen zu.

Ingeborg Schober um 2004, bereits mitten im Karriereknick;
Foto: Stefan Prager / Collage: Gaby dos Santos, aus dem Historical Ingeborg Schober – Eine Poptragödie

In einem um die Jahrtausendwende eng gewordenen Medienmarkt leistete man sich den Ausverkauf einer Ikone des Pop-Journalismus und war sich dessen noch nicht einmal bewusst! Ingeborg äußerte mir gegenüber einmal sinngemäß, es herrsche der Irrglaube, über Pop könne jeder mit zwei Ohren schreiben; so auch der Praktikant, den man immer öfter anstelle der versierten Journalistin einsetzte. Zuletzt kam es sogar vor, dass neue Praktikanten sich bei Redaktionskonferenzen erkundigten, wer sie eigentlich sei …

Grund dafür war, über das bildungsbürgerliche Naserümpfen gegenüber der Populärkunst hinaus, auch eine neue Art von Rotstift, der aus Kostengründen blind den Qualitätsjournalismus einer Ingeborg Schober zusammenstrich und damit auch das, wofür ihre Art von Artikeln stand: Fachwissen, publizistische Akribie und Fairness. Ingeborg verstand es, in ihren Besprechungen Kritik zu üben, ohne die Rezensierten in Grund und Boden zu schreiben und dabei aus einem beträchtlichen Wissensfundus sowie persönlichen Künstlerkontakten zu schöpfen. Hinzu kam eine ausgeprägte musikalische Intuition, die sie beispielsweise als eine der Ersten das Potential der später legendären E-Pop-Formation Kraftwerk erkennen ließ.

Archiv-Material aus dem Nachlass Ingeborg Schobers zu 2 Collagen zusammengefügt von Gaby dos Santos, für Bildprojektionen im Historical Ingeborg Schober – Eine Poptragödie

Ingeborg Schober war eines der ersten und prominentesten Opfer einer fatalen Zeitenwende im Mediengeschäft. Dass Gabriele Werth jetzt Texte Schobers einer breiten Leserschaft zugänglich gemacht hat, empfinde ich als verdiente und überfällige Würdigung dieser Ausnahme-Autorin und darüber hinaus, auf Grund der zeitgeschichtlichen Relevanz ihrer Berichterstattung, als Bereicherung für die publizistische Szene insgesamt.

(Gaby dos Santos im April 2021)

Anmerkung von Gaby dos Santos zur Entstehung des obigenTextes:

Als Gabriele Werth mich fragte, ob ich nicht ihrem Buch einen Beitrag über meine Begegnung mit Ingeborg beisteuern wolle, sagte ich spontan und sehr gerne zu, denn ich wusste sofort, worüber ich unbedingt berichten wollte: Über jene Kluft zwischen der Top-Journalistin, die mit schmetterlingshafter Leichtigkeit durch die internationale Popmusik-Szene schwebte und jener „Schwester Hiob“, die mir in späteren Jahren begegnet war. Dieser Bruch in Ingeborgs Vita beschäftigt mich bis heute …

– Klar, jeder mag seines eigenen Glückes Schmied – oder in diesem Fall Schmiedin – sein, das bestreite ich gar nicht, dennoch hätte ein verantwortungsbewussterer Umgang seitens der arbeitgebenden Medien mit ihrem einstigen Star Ingeborg Schober einiges an Härten zum Lebensende erspart!

Eine Ingeborg Schober um 2004 (oben rechts) , bereits mitten im Karriereknick, blickt auf die Ingeborg von 1975, on tour mit GENESIS
Collage: Gaby dos Santos, aus dem Historical Ingeborg Schober – Eine Poptragödie

Entsprechend groß ist jetzt meine Freude darüber, dass Jochen Overbeck, am Beitragsende seiner obigen Rezension im MUSIKEXPRESS (s.Titelbild) ausdrücklich diesen Punkt aufgreift!

Wobei ich mich in diesem Zusammenhang frage, ob es nicht an der Zeit für so manche Printmedien wäre, die zwischenzeitliche Abwertung des Qualitätsjournalismus zu Gunsten eines schnöden Mammons zu überdenken, um nicht noch mehr durch Online-Publikationen und Blogs ins Hintertreffen zu geraten. Hoher publizistischer Anspruch ist und bleibt das Pfund, mit dem guter Print-Journalismus nachhaltig zu punkten vermag!


Zum Buch von Gabriele Werth

Frisch angeliefert im Verlag Andreas Reiffer:
Die Ingeborg Schober-Bücher, Ende Mai 2021

Gabriele Werth lernte Schober in den 1990er Jahren kennen. Ihre liebevoll zusammengestellte Sammlung »Die Zukunft war gestern« mit Essays, Gespräche und Reportagen aus mehr als 25 Jahren wird ergänzt durch Gastbeiträge

> Verlag Andreas Reiffer

Gastbeiträge

„Ingeborg Schober – Die Zukunft war gestern“: Essays. Gespräche. Reportagen. Herausgegeben von Gabriele Werth


Weitere Rezension >

Über Deutschlands erste Rockmusikjounalistin Ingeborg Schober: „Die Zukunft war gestern“ von Gabriele Werth – Buchvorstellung



Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement > gabydossantos.wordpress.com

Ein Kommentar zu “Ikone des Musik-Journalismus und doch früher Tod im Prekariat“: Abschrift meines Beitrags aus „Ingeborg Schober – Die Zukunft war gestern – Essays, Gespräche & Reportagen“, Hrsg. Gabriele Werth

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