Literarisches zum Muttertag von Renée Rauchalles: „Mir träumte meine Mutter wieder“ – Das Bild der Mutter, zusammengestellt in zeitgeschichtlichen Miniaturen aus Lyrik und Prosa und textlich ergänzt

Titelbild: „Der Schatten“ von Renée Rauchalles

„Auch wenn beim Kind ganz eigene Prägungen vorhanden sein können, wenn Begabungen,
Vorlieben und Verhaltensweisen im Gegensatz zu denen der Eltern stehen und vielleicht
von ihnen nicht wahrgenommen, missachtet, verhindert oder auch überstrapaziert werden:
Kaum etwas ist so prägend für unser Leben wie die Beziehung zur Mutter.“ schreibt die Autorin, Herausgeberin und Malerin Renée Rauchalles im Vorwort zu ihrem 2011 erschienenen Buch und fährt fort:

„Wir tragen sie beispielsweise wie der Arzt und Dichter Gottfried Benn, dessen Mutter eine sich nicht schließende tiefe Wunde auf seiner Stirn hinterlassen hat, lebenslang wie ein Kleid mit uns herum oder wir erwehren uns ihrer Vereinnahmung, wie das Sylvia Plath in ihrem Gedicht Medusa zum Ausdruck bringt, in dem es u.a. heißt:

… Ich habe dich nicht gerufen …

Sylvia Plath im Juli 1961, in London
Foto: Wikipedia

Vor dieser Landzunge aus steinigen Mundknebeln,
Augen, gerollt von weißen Stöcken,
Ohren, die die Zusammenhanglosigkeiten des Meeres
umschließen
Behausest du deinen entnervenden Kopf, – Gottball,
Linse der Gnaden …

Sylvia Plath, Ausschnitt aus Medusa (1962)

Im Idealfall ist die Mutter die fürsorgliche, aber nicht klammernde Liebende, ist sie Freundin und Beschützerin, die die Talente ihrer Kinder fördert und sie unterstützt. Im idealisierten Fall scheint es sogar, als sei sie der personifizierte Engel, wie wir aus den Gedichten von Rose Ausländer, Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs erfahren, in deren Leben die intensive Bindung an die Mutter eine große Rolle spielte.

Foto-Seite aus Renée Rauchalles Mir träumte meine Mutter wieder

Manche Verklärung oder auch Verurteilung der Mutter in Erinnerung an sie mag sich vielleicht zwischen„Dichtung und Wahrheit“ bewegen, weshalb schon Goethe Autobiographien ‚als ein immer bedenkliches Unternehmen‘ bezeichnete.

Foto-Seite aus Renée Rauchalles Mir träumte meine Mutter wieder

Wie immer sich die Beziehung zur Mutter gestaltet bzw. gestaltete, wie immer wir sie auch empfinden, sie lässt uns selten gleichgültig. So normal es ist, dass wir als Kinder ihr Muttersein im Allgemeinen als völlig selbstverständlich ansehen, so wird sie oft, sobald wir dem Kindsein entwachsen sind, mit Anspruchs- und Erwartungshaltungen regelrecht überfrachtet. Wir denken nicht daran, dass auch die Mutter das Recht auf ein Eigenleben hat und ein Mensch ist mit Schwächen wie jeder andere auch. So werden unter Umständen unerfüllte Sehnsüchte und Erwartungshaltungen auf die eigenen Kinder projiziert, denn sie sollen es besser haben oder es besser machen als die Mutter selbst. Übertriebene Sehnsüchte und Träume können für das Kind zur Tortur werden. Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek, die für die nicht erfüllten Träume ihrer Mutter ihre Kindheit voll und ganz in den Dienst der Musik stellen „musste“, hat dies in ihrem Buch Die Klavierspielerin, das auch verfilmt wurde, eindringlich geschildert.

Durch die gewohnten Ansprüche der Mutter gegenüber auch im Erwachsenenalter findet eine wirkliche Abnabelung nicht statt. Umgekehrt ist es häufig die Mutter, die in ihrer übergroßen Sorge und Liebe oder in ihrer Verlustangst nicht loslassen kann und damit verhindert, dass ihr Kind erwachsen wird. Sie kann nicht akzeptieren, wenn es ein eigenes, von ihr unabhängiges Leben führt. Die Balance zu finden zwischen Nähe und Distanz, zwischen Einmischung und Nichteinmischung in das Leben des anderen, ist eine schwierige Gradwanderung, die nicht immer gelingt.

Demgegenüber gibt es natürlich auch die Mütter, die ihr Muttersein verweigern oder auch die Kinder, die sich dem Einflussbereich der Mutter entziehen oder sich von ihr ganz distanzieren, aus welchen Gründen auch immer.

Foto-Seite aus Renée Rauchalles Mir träumte meine Mutter wieder

Auch diese Art der Nichtbeziehung und Nichteinmischung bzw. der nicht vorhandenen Anteilnahme am Leben des anderen – stellt zumeist für beide Teile eine große Belastung dar. Nicht offen ausgetragen tut sie ein Leben lang ihre Wirkung, wie z.B. bei Inge Müller, Schriftstellerin aus Leidenschaft, brennend nach Leben und Liebe. In ihrem kurzen Leben litt sie nicht nur unter dem Trauma des Krieges (sie war drei Tage verschüttet), sondern auch unter dem Schatten der mütterlichen Ablehnung. Knapp und klar formuliert sie das in ihrem nachfolgenden Gedicht:

Meine Mutter wollt mich nicht haben
Sie wollte einen Sohn
Und da kam ich schon
Und mein Bruder war noch nicht begraben.


In der letzten Strophe des selben Gedichts heißt es weiter:

Meine Mutter wollt mich nicht haben
Ich wollt die Mutter nicht
Drum hab ich kein Gesicht
Bis sie mich begraben.

(…)

Inge Müller
Inge Müller, Dichterin (13. März 1925 – 1. Juni 1966)

Einen langen Schatten des Schmerzes hat auch der aus dem Iran stammende Dichter SAID, der heute als deutscher Staatsbürger in Deutschland im Exil lebt und damit auch sein Mutterland verlor, das es trotz diktatorischem Regimes immer ist und bleibt, zu beklagen: Die immerwährende Abwesenheit seiner Mutter, die ihn, doppelt entwurzelt, zu einem ewig Suchenden macht. Aufgrund der Enttäuschung darüber (die sich natürlich auch in seinen Liebesbeziehungen widerspiegelt), dass sich seine Mutter nicht wirklich für ihn interessiert, resümiert er in seinem Buch Landschaften einer fernen Mutter, ob Mütter vielleicht „für alle Krücken“ verantwortlich sind.

Sind sie das tatsächlich oder gibt es nicht irgendwann in unserem Leben die Möglichkeit, über diese Schatten und Krücken hinauszuwachsen, auch wenn wir sie weiter in uns tragen? Sicher ist eines: Die einen schaffen es, trotz massivster Verletzungen, sich davon zu lösen oder sie positiv zu wandeln (dieses Buch ist ein beredtes Zeugnis für die treibende Kraft, die eine wie auch immer geartete Beziehung odeNichtbeziehung zur Mutter sein kann).

Ob die Mutter einen glücklichen, fördernden, hemmenden oder bedrückenden Einfluss auf die Dichterinnen und Dichter ausübte, die sich im vorliegenden Buch schreibend zu diesem sensiblen Thema mitteilen, und welche Eindrücke und Stimmungen sie in deren Leben hinterließ oder noch hinterlässt, erschließt sich in mannigfaltiger Weise. Der Bogen spannt sich von Dichterinnen und Dichtern wie Annette von Droste-Hülshoff, Wolfgang von Goethe über Rainer Maria Rilke, Rose Ausländer, Else Lasker-Schüler bis in die heutige Zeit, mit beispielsweise Esther Dischereit, Friederike Mayröcker, Gert Heidenreich, Albrecht von Schirnding oder Dieter Schlesak.“

Foto-Seite aus Renée Rauchalles Mir träumte meine Mutter wieder

Neben drei Beiträgen, die sich auf Mütter im Allgemeinen beziehen, bildet sich in ihren Gedichten und Prosa ein eindrucksvolles Spektrum von Mutter-Kind-Beziehungsvarianten heraus.“ resümiert Renée Rauchalles und verbindet die Beiträge der KollegInnen mit Texten aus eigener Feder.

V. li n. re: Lesung mit Brigitta Rambeck, Dagmar Nick, Albert von Schirnding, Renée Rauchalles im Münchner Künstlerhaus. Alle sind in Mir träumte meine Mutter wieder vertreten

Abschließend fragt Renée Rauchalles in ihrem Vorwort:

„Ist nicht jeder Mensch auf seine Weise – so auch die meisten Mütter –, auf der Suche nach Liebe, auch wenn es in verzerrter Form geschieht?

Der Dichter Heinrich Heine (1797-1856), der nach langer Zeit der Liebessuche wieder einmal zuhause bei seiner Mutter auftauchte, hatte in den letzten Zeilen seines berühmten Gedichts ‚An meine Mutter, B. Heine‚ etwas erkannt, was ich jedem von Herzen wünsche:

„… Und ach! Was da in deinem Aug‘ geschwommen,/Das war die süße, langgesuchte Liebe“.

> An meine Mutter B. Heine, geborene v. Geldern
Text von Heinrich Heine (1797-1856)

Mir träumte meine Mutter wieder von Renée Rauchalles
(Herausgeberin, Autorin, Grafikerin)

 konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 196 S., Hardcover,

 ca. 230 Fotos und 12 Gemälde, ISBN 978-3-88769-700-6

Bestellung über bücher.de

Rezension in der Passauer Neue Presse

Renée Rauchalles: Selbstbildnis

Mehr zu > Renée Rauchalles



Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement/PR > gabydossantos.wordpress.com

Ein Kommentar zu “Literarisches zum Muttertag von Renée Rauchalles: „Mir träumte meine Mutter wieder“ – Das Bild der Mutter, zusammengestellt in zeitgeschichtlichen Miniaturen aus Lyrik und Prosa und textlich ergänzt

  1. Pingback: Gaby dos Santos

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: