„Opre Roma – Steh auf Roma“ – Hintergründe und Hymne zum 8. April, dem Internationalen Tag der Roma, 50 Jahre nach dem ersten Weltkongress, mit einem Video-Statement 2021 von Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats deutscher Sinti & Roma

Klischee konform spielt 1967, im Debüt-Hit von Sängerin Alexandra, „Ein Zigeunerjunge Zigeunerjunge (…) am Feuer Gitarre … Tam ta ta tam tam ta tam tam ta tam.“ Entsprechend sind im Songtext „Die Wagen so bunt,“ während sie tatsächlich, in der grauen Realität der Nachkriegszeit aus nüchternem Metall waren, in denen des Winters die „Zigeuner“-Jungen und Mädchen, gemeinsam mit ihren Eltern, bitterlich froren. Sie kamen auch nicht fröhlich, von „Pferdchen so zottig gezogen“ in die Stadt, sondern fristeten vielfach vor den Toren ein Randgruppen-Dasein in Wagenburg-Schluchten.

Zigeunerjunge
60er Jahre Hit zwischen Kitsch, Klischee und Sozialkritik

Inhaltlich – immerhin – sucht der Song Zigeunerjunge die Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus. Die Protagonistin des Liedes erzählt aus Kindertagen, als „Zigeuner“ die Stadt besuchen, zu denen sie sich magisch hingezogen fühlt, insbesondere zu dem „Zigeunerjungen“. Doch die Kontaktaufnahme wird unterbunden. Insofern, wenn auch weit ab von der Wirklichkeit, handelt es sich hier um ein Lied im Zeitgeist der aufkommenden Jugend- und Bürgerrechtsbewegungen, in deren Umfeld auch die Roma-Bürgerrechtsbewegung einen Aufschwung erlebte und 1971 einen ersten Höhepunkt erreichte:

Am 8. April 1971 fand erstmals in London der Internationale Tag der Roma 
(auch Internationaler Roma-Tag oder Welt-Roma-Tag) statt.

Auf dem Kongress diskutierten 23 Vertreter aus neun Staaten kulturelle und soziale Fragen mit Bezug auf die Roma. Dabei wurde unter anderem die vielfach als diskriminierend empfundene Fremdbezeichnung „Gypsy“ bzw. „Zigeuner“ zugunsten der Eigenbezeichnung „Roma“ verworfen. > MEHR

Flagge der Roma, angenommen auf dem Ersten Welt-Roma-Kongress am 8. April 1971, > Quelle

Die Flagge der Roma  (O styago le romengo auf Romani) wurde bei dieser Gelegenheit zu einem Symbol der internationalen Roma-Ethnie proklamiert. Das Blau in der oberen Hälfte und das Grün in der unteren Hälfte repräsentieren Himmel und Erde. Außerdem enthält die Flagge der Roma ein rotes Chakra, auch Speichenrad genannt, im Zentrum der Flagge. Das Chakra bezieht sich auf die indische Herkunft der Roma. Die indische Flagge enthält ebenfalls ein Chakra.

Innerhalb der Subgruppen ist das Symbol umstritten. So verwendet der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma es nicht. Das Rad stehe für die Vorstellung von einer „nomadisierenden“ Bevölkerungsgruppe. Das sei eine falsche Vorstellung, wie sie auf z. B. die mitteleuropäischen Roma (Zentralrat: „Sinti und Roma„) nicht zutreffe. > MEHR

Liedtext (Auszug)
Textversion von Žarko Jovanović in Romane

1. Strophe
Djelem djelem lungone dromesa
Maladilem schukare romenzad
jelem djelem lungone dromesa
Maladilem bachtale romenza

2. Strophe
Sine man yekh bari familiya
Murdadas la i kali legiya
Aven mansa sa lumniake Roma
Kai putardile e romane droma
Ake vriama, usti Rom akana
Men khutasa misto kai kerasa

Refrain:
Ahai, Romale, ahai Chavalle,
Ahai, Romale, ahai Chavalle!


Auf meinem sehr sehr langen Weg
Traf ich viele schöne Roma
Auf diesem sehr sehr langen Weg
Begegneten mir viele glückliche Roma.


Ich hatte einmal eine große Familie
Die Schwarze Legion ermordete sie.
Kommt mit mir Roma aus der ganzen Welt
Für die Roma die Straßen geöffnet haben
Jetzt ist die Zeit, steht auf Roma, jetzt
Wir steigen hoch, wenn wir handeln

Refrain:
Ahai, Roma, ahai Kinder,
Ahai, Roma, ahai Kinder!

Ein zweites Vermächtnis jenes denkwürdigen Datums war die Festlegung einer verbindenden Hymne aller Roma: »Dželem, dželem«. Žarko Jovanović verfasste 1969 einen neuen und politischen Text auf die Melodie dieses traditionellen Liedes, der die Vertreibung und Ermordung der Roma durch kroatische Faschisten – die sogenannte „Schwarze Legion“ – beschreibt

Die Romni Dr. Petra Gelbart erläutert: Das Lied mit dem Titel »Gelem, gelem« (auch »Dželem, dželem« oder ähnlich) wurde 1971 auf dem ersten Internationalen Roma-Weltkongress als National- oder Internationalhymne der Sinti und Roma institutionalisiert. Bis 1971 war das Lied einer großen Zahl von Rom_nja, vornehmlich auf dem Balkan, bereits als Volkslied bekannt.

Nach dem Kongress begann man schließlich, das Lied als internationale, zuweilen im politischen Sinn »offizielle« Hymne zu verbreiten. Die dritte und vierte Strophe wurde auf dem Kongress der International Roma Union mehr oder weniger neu konzipiert – zusammen mit der Flagge, die die Hymne üblicherweise in politischen Zusammenhängen begleitet.

Die Annahme dieser beiden Symbole, wie auch die organisierten Veranstaltungen und Strukturen, die dies erst ermöglicht haben, setzten einen sichtbaren, hörbaren, in Worten proklamierten und fortdauernden Prozess in Gang, der kollektiv als »Roma-Nationalismus« bekannt ist.

Petra Gelbart, Die Roma-Hymne als Mikrokosmos der Vielfalt, auf der WEBSITE von www.romarchive.eu
Die Romni Dr. Petra Gelbart ist Pädagogin, Wissenschaftlerin und Musikerin.

Doch bei aller musikalischen Symbolik und kulturellen Besinnung darf nicht übersehen werden, dass sich der Internationale Tag der Roma auch  als ein weltweiter, hochpolitischer Aktionstag versteht, mit dem auf die Situation der Roma, insbesondere auf deren Diskriminierung und Verfolgung, aufmerksam gemacht werden soll. Begangen wird er, qua formellem Beschluss auf dem Vierten Welt-Roma-Kongress (1990 in Serock/Polen), alljährlich.

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Und das ist auch bitter nötig! …

… Denn Antiziganismus ist weiterhin – ob bewusst oder unbewusst – fest in der Mehrheitsgesellschaft verwurzelt. Eine Umfrage ergab, dass !zwei Drittel der deutschen Bevölkerung noch immer keine Sinti und Roma in der Nachbarschaft wünschen, was unter anderem daran liegt, dass sie persönlich meist gar keinen Kontakt zu dieser Ethnie haben und somit auch keine Ahnung über deren Kultur und Lebensweise; zumal viele Sinti und Roma es aus nachvollziehbaren Gründen vermeiden, sich als solche erkennen zu geben, aus Furcht vor möglichen Repressalien. Immer wieder ernte ich Erstaunen, wenn ich erwähne, wie viele MitbürgerInnen mit „ziganen“ Wurzeln unerkannt unter uns leben, ganz ohne Kastagnetten und Kreolen als Ohrringe 😉

Wie oft muss ich des weiteren erklären, dass das Phänomen osteuropäischer Bettlerbanden mit den prekären Lebensverhältnissen in deren Heimatländern zusammenhängt und nicht mit der Ethnie, zu der übrigens Prominente zählen, wie Kino-Legende Yul Brynner, der sich zeitlebens für „seine Menschen“ engagierte oder Schlagerikone Marianne Rosenberg (was sich immerhin langsam herum spricht).

Marianne Rosenberg, Schlagernacht des Jahres, Stuttgart, 2018-10-13, Photo: rawpic@protonmail.com
Yul BrYnner (Mitte)
beim Welt-Roma-Kongreß 1978 in Genf

Ihr Vater Otto Rosenberg ist ein Überlebender des Völkermords an den europäischen Roma und Sinti (Porajmos) und langjähriges Vorstandsmitglied des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Ihre Schwester Petra Rosenberg ist die Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg. > MEHR

Vorsitzender des Zentralrats deutscher Sinti & Roma ist nach wie vor Romani Rose, der, durch seine Initiative eines Hungerstreiks auf dem Gelände der KZ-Gedenkstelle Dachau an Ostern 1980, einen Meilenstein im Kampf für die Bürgerrechte der Sinti & Roma setzte. Inzwischen hat sich glücklicherweise einiges getan und ein Reihe von Bundesländern haben Staatsverträge mit den jeweiligen Landesverbänden deutscher Sinti & Roma geschlossen, aber weiterhin besteht Verbesserungsbedarf, auf nationaler Ebene ebenso, wie auf internationaler. Dies betont auch Romani Rose in seiner nachstehenden Rede zum diesjährigen internationalen Tag der Roma:

Internationaler Roma Tag:
Sinti und Roma sind in Europa immer noch von Apartheid und Gewalt bedroht

Statement von Romani Rose zum Internationalen Roma Tag 2021

„Es ist beschämend, dass die fast 12 Millionen Sinti und Roma in Europa heute immer noch mit Ausgrenzung, Diskriminierung, Apartheid und Gewalt konfrontiert werden. Und das, trotz ihrer Jahrhunderte alten Geschichte, trotz des Holocaust, in dem im NS-besetzten Europa 500 000 Sinti und Roma ermordet wurden. In vielen Ländern haben die Menschenrechte nach den Erfahrungen der nationalsozialistischen Barbarei einen hohen Stellenwert. Doch gelten diese immer noch nicht für alle Sinti und Roma in Europa. Diesen beschämenden Zustand müssen wir gemeinsam, als gesamte Gesellschaft, endgültig ändern. Wir appellieren daher an die nationalen Regierungen, den strategischen EU-Rahmen umzusetzen und die Roma endlich als gleichberechtigten Teil der Gesellschaft wahrzunehmen.“

Presseportal – Zentralrat Deutscher Sinti und Roma – 7. April 2021, Ausschnitt aus Romani Roses Statement

Siehe dazu auch die Biografie von Behar Heinemann:
„Romani Rose – Ein Leben für die M:enschenrechte“

228 Seiten, 21 B x 24 cm H, Hardcover, Fadenheftung
ca. 250 Abbildungen (überwiegend farbig).
ISBN 978-3-946046-07-3
20,00 EUR gebundener Ladenpreis (D) inkl. 7 % USt.

Erhältlich im Buchhandel oder online beim Verlag


Weitere Beiträge, Fotos und Informationen
zum Thema „Sinti & Roma, Jenische und Reisende“
auf der > Übersichtsseite



Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement > gabydossantos.wordpress.com

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