Zum Holocaust an den Münchner Sinti und Roma: Alexander Diepolds Klartext-Ansprache 2019 in der Theaterinerkirche: Ein Befreiungsschlag ex cathedra!

Er spricht Dr. Mengeles Experimente an seinen väterlichen Freunden an, den Münchner Sinti Hugo und Peter Höllenreiner, klar und ruhig, in der Diktion eines Menschen, der Halt und Zuversicht aus seiner Spiritualität schöpft.

Alexander Diepold erinnerte, ex cathedra sowie in nachstehendem Video, an das Schicksal der Münchner Sinti-Brüder Peter und Hugo Höllenreiner, als exemplarisch für das tausender LeidensgenossInnen in seiner Rede „Zeugnisse“ in der Theatinerkirche in München, zum Gedenkgottesdienst am 8.3.2019:

Video von Gerhard Hallermayer

Weitere Impressionen vom Gedenkgottesdienst 8.3.2019/Theatinerkirche

Statt jedoch an seinem Schicksal zu zerbrechen, das Diepold mit vielen „seiner Leute“ in der Nachkriegszeit teilte – prekäre Lebensverhältnisse, Kinderheim, unterbrochen durch ein Jahr auf der Tuberkulose-Station – hatte er Glück und rettete sich, gestützt durch seinen Glauben, in die Rolle eines Helfenden. Mit Erfolg:

Zunächst, noch als Jugendlicher, wird er Leiter seiner ersten betreuten Wohngruppe, in einer Lebensphase also, in der es sich besonders leicht in die Jugendkriminalität abrutscht. Bald darauf die gründet er eine eigene Familien-Beratungsstelle, aus der später das jetzige MADHOUSE hervorgeht; die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität als Sinto verbindet er in Folge mit konkreter Hilfestellung, die sein Team und er den Sinti & Roma in München, aber ebenso Hilfesuchenden aus der Mehrheitsgesellschaft bieten.

2017 markierte, mit dem 30jährigen MADHOUSE-Jubiläum, einen Meilenstein in seiner Vita.

PORTRAIT > Alexander DiepoldSüddeutsche Zeitung/19.9.2017

Das Jahr 2018 verzeichnete einen Etappensieg auf dem Weg zur gesellschaftlichen Gleichstellung der „ziganen“ Minderheit in unserer Stadt, mit dem ersten Gedenktag für den Holocaust der Münchner Sinti & Roma, der seither jährlich am 13.März begangen wird, denn, wie Alexander Diepold in seiner damaligen Rede äußerte:

„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“ 

„Ihre Geschichten sind unsere Erinnerungen“  – Ein Kernsatz der Ansprache von Alexander Diepold beim ersten Gedenktag für den Holocaust an den Münchner Sinti und Roma, 13.3.2018, Platz der Opfer des Nationalsozialismus

Für die Einführung eines solchen Gedenktages in München hatte sich nicht zuletzt er unermüdlich eingesetzt.

2019 beging Diepold einen weiteren Schritt: Er nahm die Teilzeit-Stelle als Geschäftsführer der Hildegard Lagrenne Stiftung für Bildung, Inklusion und Teilhabe von Sinti und Roma in Deutschland an. Seither pendelt er wöchentlich zwischen München, Mannheim und dem Allgäu, also zwischen Madhouse, Lagrenne Stiftung und seinem privatem Domizil.

Alexander Diepold in einem seiner wenigen privaten Momente

Diese permanente Reisetätigkeit spiegelt jene Ruhelosigkeit wieder, die in den Nöten seiner Kindheit und Jugend wurzelt, Nöte, die er mit tausenden von Sinti & Roma teilte. Dass ihm der Befreiungsschlag in die Sozialarbeit gelungen ist, führt er selbst unter anderem auf seinen Glauben zurück.

Daher bot die Kanzel eines Gotteshauses Diepold den kongenialen Rahmen für einen zeitgeschichtlichen Befreiungsschlag, in Form seiner aufklärenden Rede „Zeugnisse.“ In ihr erinnerte er an das erlittene Unrecht „seiner Leute“, das in der breiten Öffentlichkeit noch vielfach unbekannt ist. Während die „zigane“ Minderheit weiterhin die unendliche Geschichte einer Ausgrenzung erlebt, die nicht mit dem Nationalsozialismus endete und auch längst nicht überwunden ist ...

Sinteza Ramona Röder, verheiratete Sendlinger. Auch ihr Vater lag als Junge in Auschwitz auf Mengeles OP-Tisch!

Mangelndes Wissen über Geschichte und Gegenwart der Sinti und Roma gehen einher mit der Unterstellung einer Neigung zu abweichendem, ja kriminellem Verhalten. Diese gesellschaftlichen Vorurteile waren die Grundlage der Sondererfassung der Menschen durch die Polizei spätestens seit dem 19. Jahrhundert. Erst im Jahr 1965 wurde die Dienststelle aufgelöst, die Kartei in den Jahren 1970 bis 1974 vernichtet„, analysierte Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä den Umgang mit den Sinti & Roma über Jahrhunderte, in einer Rede im Münchner Rathaus, 2018.

Indem das erzbischöfliche Ordinariat die Theatinerkirche, eines der markantesten Münchner Gotteshäuser, als Ort für den Gedenkgottesdienst 2019 bestimmte, setzte es, ob bewusst oder nicht, in meinen Augen ein Zeichen. Hatte es doch auch die Kirche im Nationalsozialismus versäumt, sich für die „zigane Minderheit“ unter den Gläubigen einzusetzen, wie Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats deutscher Sinti & Roma, 2014, in einer TV-Folge bei Markus Lanz eindringlich schildert:

Dennoch ist die Münchner Community der Sinti & Roma – bis heute und quer durch ALLE Generationen – von einem tiefen Gottesglauben geprägt, wie ich bereits 2018, bei einem freichristlichen Gedenkgottesdienst erleben durfte:

„Wir können vergeben, wenn wir im Herzen Gottes Liebe tragen …“



Auch im CORONA-JAHR 2021 findet ein Gedenkgottesdienst für die Münchner Sinti & Roma-Familien statt, die Opfer des Holocausts wurden,

am Freitag, 12. März, um 16 Uhr, in der Kirche Mariäe Sieben Schmerzen Stadtteil „Hasenbergl“

Die Einführung spricht der neue evangelische Stadtdekan, Dr. Bernhard Lies, die Predigt hält Monsignore Boeck

Sobald mir Fotos vom Gottesdienst 2021 vorliegen, wird der Bericht fortlaufend am 12.3. ergänzt
Der Soundcheck hat begonnen, die Namen der Sinti-Musiker, die den Gedenkgottesdienst mit gestalten werden, folgen noch


Mehr zu den Biografien der eingangs genannten Brüder Peter und Hugo Höllenreiner
findet sich am Ende des GdS-Blogbeitrags >

„Nicht in der Opfer-Ecke bleiben …!“


– Intensive Eindrücke und Überlegungen zum Jahrestag der Blutnacht, vom 2. auf den 3. August 1944, im „Zigeunerlager“, in Auschwitz-Birkenau,
dokumentiert von Maria Anna Willer


Weitere Beiträge, Fotos und Informationen
zum Thema „Sinti & Roma, Jenische und Reisende“
auf der > Übersichtsseite



Veröffentlicht von Gaby dos Santos

GdS-Blog, Bühnenproduktionen (Collagen/Historicals), Kulturmanagement > gabydossantos.wordpress.com

2 Kommentare zu „Zum Holocaust an den Münchner Sinti und Roma: Alexander Diepolds Klartext-Ansprache 2019 in der Theaterinerkirche: Ein Befreiungsschlag ex cathedra!

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